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Presseschau

30.08.2008 - Tübingen (Baden-Württemberg):
Geschichten aus dem Wald
Eingetragen von Redaktion

Der Naturpark-Förderverein spürte über 200 Kleindenkmäler im Schönbuch auf
Alte Grenzsteine, Sühnekreuze, Hirschsteine, Mahnmale für erschossene Förster: Weit über 200 solcher Kleindenkmäler im Schönbuch sind jetzt akkurat erfasst. Dafür gab es sogar einen Sonderpreis.

Quelle: Sommer
Einen ruhenden Wanderer schlug in den 1980er Jahren Anton Bauer aus Wendelsheim in diesen Sandsteinblock im Pfrondorfer Wald. Das Kleindenkmal wurde jüngst offiziell erfasst. Mit dabei waren Mathias Allgäuer (links), Geschäftsführer des Fördervereins für den Naturpark Schönbuch, und der Schönbuch-Kenner Albert Renz. Wer den Wanderer finden will und weitere Figurensteine in der Nachbarschaft, muss in Lustnau die Pfrondorfer Steige hoch. Wo es oben rechts in den Steinbruchweg geht, links abbiegen und bis zum Wald fahren. Von dort sind es zu Fuß noch etwa 200 Meter den Wald hinunter.
Die Pfrondorfer und Lustnauer wissen, wo das Waldsparkässle ist. Alfred Renz und Mathias Allgäuer müssen suchen. „Ich glaube, das war eher dort drüben oder doch weiter oben“, rätselt Allgäuer, der Geschäftsführer des Fördervereins für den Naturpark Schönbuch. Die beiden suchen eines der Kleindenkmäler, die Ehrenamtliche im Laufe der vergangenen zwölf Monate erfasst haben. Die kleinen Erinnerungsstücke an die Alltagskultur sollen nicht verloren gehen.

Renz, ein 70-jähriger passionierter Schönbuch-Wanderer, muss nicht lange suchen, bis er in der Nähe des Steinbruchs Nagel das Sparkässle gefunden hat. In einen großen Rhät-Sandstein-Block sind zwei Hände geschlagen. In der Mitte lassen sie einen Schlitz frei. Waldbesucher opfern hier ihre Cent-Münzen. Renate Nagel, die Besitzerin des Steinbruchs, weiß noch, dass ihr früherer Mitarbeiter Albert Maier die Hände in den 70er Jahren geschaffen hat.

241 solcher kleinen Denkmäler haben die Aktiven des Naturpark-Fördervereins seit letztem Sommer aufgelistet: Den Standort mit genauer Position, das Jahr der Entstehung und, wenn irgendmöglich, auch die Geschichte, die zu dem Erinnerungsstück gehört. Standorte und Geschichten drohen nämlich verloren zu gehen. Oft wissen nur noch wenige versierte Schönbuch-Kenner, wo die Zeugen der Vergangenheit zu finden sind. „Und wenn die Leute nicht mehr da sind, dann ist das weg“, sagt Allgäuer.

Renz, der aus Weil im Schönbuch kommt, hat sich selbst viel auf die Angaben des 86-jährigen Erich Riexinger gestützt. Wenn man nicht wisse, wo man suchen müsse, „läuft man sich sonst dubbelig“. Zusammen mit Peter Göbell aus Böblingen, Klaus Hermann aus Pliezhausen, Rainer Hiller aus Holzgerlingen und anderen haben sie jetzt hoffentlich sämtliche Hirschsteine, mit denen die Förster den Abschuss besonders kapitaler Stangenträger markiert haben, und alle anderen Kleindenkmäler zusammen.

Mord und Selbstmord aus Verzweiflung

Dazu gehören auch erschütternde Zeugen wie die Sühnekreuze, die an Krieg und Totschlag erinnern. Ebenso der Gedenkstein für Wilhelm Klinger, der 1913 von einem Wilderer erschossen wurde. Oder der Schweller-Stein, der Andreas Düring besonders beeindruckt hat. Düring studiert in Tübingen Mittelalter-Archäologie und übernahm den wissenschaftlichen Teil der Arbeit. Der Stein in der Fuchsklinge auf der Markung von Walddorf-Häslach ist für ihn eine Beispiel, dass die Steine Alltagsgeschichte erzählen.

Das Denkmal erinnert an den Unterförster Karl Schweller, der seine Geliebte aus einer betuchten Altdorfer Familie nicht heiraten durfte. Offensichtlich habe da die evangelische Familie etwas gegen die Einheirat eines Katholiken gehabt, sagt Düring. Aus Verzweiflung darüber brachte Schweller sein Kind, die Frau und sich selbst um.

Um solche Zeugnisse erhalten zu können, so Düring, müssen sie bekannt werden und bleiben. Sonst könnten sie bei den heutigen maschinellen Waldarbeiten leicht zerstört werden. Kenntnis helfe auch gegen Raub. Wenn jemand ein Auge auf die Zeugen der Vergangenheit hat, werde ein Diebstahl unwahrscheinlicher.

Die Standorte der Kleindenkmäler, die der Förderverein demnächst Internet-Seite veröffentlichen will, hilft auch, die Geschichte des großen Waldgebiets zu klären. Bekannt ist, dass der Schönbuch im 18. Jahrhundert eher einer Wiese mit nur noch kleinen Waldinseln glich. Wo die lagen, ist zwar auf Forstkarten eingetragen, doch die sind laut Düring oft verzerrt. Anhaltspunkte liefern dann oftmals die dort eingezeichneten Grenz- oder Denksteine, die es erlauben, die Karten auf heutige Unterlagen abzubilden.

Der Schönbuch-Förderverein, der im Jahr n TAGBLATT-Umweltpreis erhalten hat, ist vor allem für seine Biotop-Pflege und für die umfassende Information der Waldbesucher bekannt. Dass er sich darüber hinaus nun auch der Erfassung historischer Zeugnisse gewidmet hat, dafür bekommt er vom Schwäbischen Heimatbund den mit 500 Euro dotierten Sonderpreis für die Pflege, Erhaltung und Erforschung von Kleindenkmälern.

Quelle: Schwäbisches Tagblatt, 30.08.2008


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Tübingen

Ort: Tübingen
PLZ: 72070
Bundesland:Baden-Württemberg
Kreis: Tübingen


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