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19.11.2017
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Presseschau

06.11.1999 - Stuttgart (Baden-Württemberg):
Drei Gedenksteine für die Euthanasie-Opfer von Stetten
Eingetragen von Redaktion

Der Bildhauer Markus Wolf hat ein Mahnmal für die 330 Ermordeten angefertigt, das am Totensonntag enthüllt wird

Theodor. Emma. Charlotte. Hans. Ernst. Maria. Berta. Langsam tasten die Augen des Bildhauers Markus Wolf über die in Stein gemeißelten Vornamen. Jeder Name ein Menschenleben, das gewaltsam beendet wurde.

VON BRIGITTE JÄHNIGEN

Weil die ¸¸Pfleglinge'' der Anstalt Stetten im Remstal für die Nazis ¸¸minderwertiges Leben'' waren, wurden sie 1940 umgebracht. Das christliche Gebot ¸¸Du sollst nicht töten'' galt nicht für ihr Leben. Am Totensonntag, dem 21.November, wird nach beinahe sechs Jahrzehnten endlich ein Denkmal für die Ermordeten in der Diakonie Stetten enthüllt. ¸¸Es soll wehtun'', sagt Markus Wolf und streicht über das nur wenig geglättete grau-rosafarbene Material. Abends und nachts arbeitet der 36-Jährige an den ¸¸Steinen des Anstoßes''.

330 Vor- und Familiennamen müssen auf drei grosse Granitblöcke mit Schablone und Sandstrahler aufgetragen werden. ¸¸Viele dieser Menschen stammten aus urschwäbischen Familien wie Scheible, Hahn, Schöttle oder Raisch'', sagt der Bildhauer. Das Leiden der Ermordeten vermag sich Wolf nicht vorzustellen.

Doch immer, wenn er an den Ort in Stetten geht, wo das Denkmal aufgestellt werden soll, trifft er Bewohner. Er spricht und und lacht mit ihnen. Erlebt ihre unverstellte Emotionalität. Dann schiebt sich vor das Lachen der Stettener Bewohner von heute das Bild der Toten.

Berta, die jüngste, war erst fünf, als sie in einem der berüchtigten grauen Busse ¸¸verschickt'' wurde. In nur sechs Monaten und sechs Transporten wurden die 330 ¸¸minderwertigen'' Leben im Jahre 1940 aus der damaligen Anstalt Stetten nach Grafeneck auf der Schwäbischen Alb gekarrt und umgebracht. Absender der Befehle war das Innenministerium, Adressaten waren die Anstalt und ihr Leiter Ludwig Schlaich.

¸¸Es gab schon in der Vergangenheit viele Versuche, ein Denkmal zu entwickeln'', sagt Waltraud Hirsch. Doch die Versuche seien bisher alle gescheitert, so die Religionswissenschaftlerin aus der Diakonie Stetten. Im 150.Jahr des Bestehens der Diakonie wollte man sich der Problematik endlich stellen, gründete einen Arbeitskreis und beauftragte den Bildhauer Markus Wolf mit dem ¸¸schwierigen Thema''.

Zu den drei Granitblöcken soll nun auch ein Kreuz in die vom Stuttgarter Landschaftsgestalter Hans Luz konzipierte Grünanlage gestellt werden. Damit hat nicht nur der Bildhauer Wolf Probleme. Soll das christliche Symbol erklären, was unerklärbar scheint? Oder soll es stumm schreien?

Klaus-Dieter Kottnik, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Stetten, sagt: ¸¸Ein Stück scheußlichster deutscher Geschichte, das uns heute rätselhaft erscheint, wird mit dem Kreuz in Gott enträtselt''. Man habe, so Kottnik, die Steine nicht alleine hinstellen können, weil es in Christus ¸¸die Chance der Besserung gibt''.

Das Denkmal wird von einem Menschen finanziert, der diese Chance genutzt hat.

Quelle: Stuttgarter Nachrichten, 06.11.1999
Ortsinformationen

Stuttgart

Ort: Stuttgart
PLZ: 70173
Bundesland:Baden-Württemberg
Kreis: Kreisfreie Stadt Stuttgart


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