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Presseschau

14.07.2007 - Wertheim (Baden-Württemberg):
Hätte er bloß den Hammer mitgenommen
Eingetragen von Redaktion

Ein Bildstock in Dertingen erzählt vom traurigen Ende eines Schmieds

Dass sich Hals über Kopf verliebte junge Männer an Kopf und Kragen gehen, wenn es um die Gunst eines schönen Mädchens geht, hat es schon immer gegeben. Tragisch gehen solche Hahnenkämpfe dann aus, wenn es Verletzte und sogar Tote gibt.

Die Region Main-Tauber ist voll von Sühnebildnissen, die an Verbrechen gedenken, die aus solchen Motiven geschehen sind. Auch der Bildstock, der unterhalb des alten Sportplatzes am Weg zum Rebgelände "Kapf" in Dertingen steht, würde eine blutrünstige Geschichte erzählen, wenn er reden könnte.

Das Liebesglück eines Dertinger Schmieds hat an dieser Stelle ein jähes Ende genommen. Auf dem etwa drei Meter hohen Stein, an dem der Zahn der Zeit sichtlich genagt hat und der mittlerweile von Moos bewachsen ist, sieht man einen Mann, der auf einem Amboss kniet. Seine Hände hebt er flehend zum Himmel. Ein Hufeisen über ihm deutet darauf hin, dass es sich um einen Schmied handeln muss. Neben einem Bildnis des Gekreuzigten findet man auch das Wertheimer Wappen. Außerdem zeigt der Stein eine muschelförmige Darstellung. Die Muschel ist das Zeichen der Jakobuspilger und gilt als Wegweiser auf den zahlreichen Jakobswegen hin zum großen Pilgerziel, der Wallfahrtskirche von Santiago de Compostela im Norden Spaniens.

Folgende Geschichte, die zumindest die alten Dertinger heute noch kennen, rankt sich um diesen Stein: Es war einmal ein schönes Mädchen aus Dertingen, das wegen seinem bezaubernden Antlitz weit und breit bekannt war, und um das zahlreiche Verehrer buhlten. Die Dertingerin wusste um ihre Wirkung auf das männliche Geschlecht. Sie ließ sich diese Verehrung aber so sehr gefallen, dass sie sich nicht für einen Mann entscheiden wollte und weiterhin die Scharen der ihr zu Füßen liegender Männer zählte. Für diese hatte sie immer andere Ausreden parat: der eine sei zu hässlich, der andere zu arm, der nächste zu ernst.

Eines Tages aber bemühte sich auch der Schmied aus Dertingen um die Holde. Und siehe da: Der Handwerksgeselle eroberte das Herz der Schönen. Alles schien gepasst zu haben: Der Schmied war gut gebaut, hatte ein ansprechendes Erscheinungsbild und besaß Geld und Gut. Darüber hinaus war er der Haus- und Hof-Schmied des Wertheimer Grafen und somit recht angesehen.

Wer etwas Schönes besitzt, hat oftmals auch viele Neider - so auch der Schmied, der von den Abgewiesenen nun angefeindet wurde. So mancher schwor dem glücklichen Liebhaber Rache. Das hatte der Schmied erfahren. Er empfand es als ratsam, sich zu bewaffnen, um Hinterhalten und Angreifern Paroli bieten zu können. Als geeignetes Instrument zum Verteidigen erschien ihm das Werkzeug, mit dem er von Berufs wegen am besten umgehen konnte: sein Hammer. Den trug er fortan immer mit sich, werktags in seinem Schurzfell, sonntags im Wams.

Diese Vorsichtsmaßnahme sollte sich auch als sinnvoll erweisen. Es dauerte nämlich nicht lange, da wurde er von eifersüchtigen Burschen überfallen. Die hatten allerdings die Rechnung ohne den Hammer gemacht: Mit dem verdrosch der Schmied die Angreifer nach Strich und Faden. In den nächsten Wochen wiederholte sich dieses Schauspiel noch ein paar Mal. Immer wieder konnte der Tapfere die verschmähten Verehrer seiner Liebsten in die Flucht schlagen.

Mittlerweile war der Schmied als unerschrockener Mann allerorts bekannt und keiner wagte mehr den Versuch, ihn zu überwältigen zu versuchen. Abstand nahmen die Männer allerdings auch von dem schönen Mädchen aus Dertingen. Keine Liebesschwüre und Galanterien mehr. Plötzlich merkte sie, dass ihr etwas fehlt - die Bewunderung und Schmeichelein der Freier in spe. Und sie wurde unzufrieden mit ihrem Bräutigam. Zudem verguckte sie sich in einen kecken Müllerburschen. Ihr wurde immer klarer: Irgendwie muss sie den Schmied los werden.

Da ersonn sie eine List. Sie bat ihren Partner, sich doch des Hammers zu entledigen, weil alle Leute schon Angst vor ihm hätten und somit auch ihr Ruf Schaden nehmen würde. Es wüssten doch schon alle, dass man sich mit ihm nicht anlegen brauche. Der gutherzige Schmied konnte seiner Angebeteten ihren Wunsch nicht abschlagen und ließ den Hammer zuhause.

Wenige Tage später machte er einen Spaziergang in den Dertinger Weinbergen, als der tückische Müllerbursche mit einem Eisen aus einem Hinterhalt in den Reben hervorsprang und den Schmied derb auf den Schädel schlug. Die Attacke fiel so heftig aus, dass dieser auf der Stelle tot war. Das hatte der Nebenbuhler nicht beabsichtigt. Furcht und Gewissensbisse ergriffen ihn und die Mitschuldige. Sie flüchteten unversehens aus Dertingen und waren nie mehr gesehen. Tags drauf fanden Wanderer den Leichnam des Schmieds. Im ganzen Dorf wurde der arme Mann bedauert. Die Gemeinde setzte dem jungen Handwerker ein steinernes Denkmal an der Stelle, an dem er sein junges Leben ausgehaucht hatte.

Noch heute kennt man in Dertingen den folgenden Reim, der sich auf diese Geschichte bezieht: "Schmied, Schmied, Schmied, nahm dei Hammerla miet. Häst die Hammerla mitgenumma, wärst du nit ums Lawa kumma."

Quelle: Fränkische Nachrichten, 14.07.2007
Ortsinformationen

Wertheim

Ort: Wertheim
PLZ: 97877
Bundesland:Baden-Württemberg
Kreis: Main-Tauber-Kreis


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