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Presseschau

24.11.2001 - Süderende (Schleswig-Holstein):
Was die Grabsteine von Föhr erzählen
Eingetragen von Redaktion

Neben der Laurentii-Kirche stehen verwitterte Grabstelen in Reih und Glied. Jede einzelne berichtet aus dem Leben des Toten.

Quelle: Klaus Bodig
Ein Blick über den Friedhof in Richtung St. Laurentii-Kirche. Viele der denkmalgeschützten Grabsteine stammen aus dem 17. Jahrhundert. Sie geben Auskunft über Leben und Sterben der Geschlechter des Inseldorfs Süderende. Eine in Stein gehauene Chronik dieser Nordfriesen. Die Steine sind zudem ein Stück Wirtschafts- und Sozialgeschichte, und sie geben Zeugnis ab vom jeweiligen Zeitgeschmack.
Der Commandeur wurde nicht alt. Neun Jahre war Ricklef Volkerts mit seinem stolzen Dreimaster "De Bailluage van Blois" im nördlichen Eismeer unterwegs, hatte "mit seltenem Glücke" Jagd auf Wale gemacht. 1788 starb der Föhrer Seefahrer, 48 Jahre und zwei Monate alt. Er hat einen Sohn gezeugt und eine Tochter, seine Frau Krassen Ricklefs überlebte ihn um 19 Jahre. Erzählt wird diese Geschichte in wenigen Sätzen. Sie ist an einem ungewöhnlichen Ort zu finden, äußerst privat und öffentlich zugleich: auf seinem Grabstein.

Ein Schiff unter vollen Segeln ist darauf zu sehen, ein Wal, Rankwerk, darüber der Spruch "Jesus der Grund unseres Heils". Das, erklärt Harald Nissen (72), meine einen sicheren Ankerplatz, auch im übertragenen Sinn. "Das Schiff steht für den Seefahrer Volkerts, ist aber zugleich als christliches Motiv zu verstehen."

Seit zehn Jahren macht der pensionierte Schulleiter Führungen über den Friedhof der Föhrer St. Laurentii-Kirche. Bis ins 17. Jahrhundert reichen die beredten Zeitdokumente der sonst eher wortkargen Nordfriesen zurück. Sie geben Auskunft über Leben und Sterben der Geschlechter des Inseldorfs Süderende, aber auch über Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Kunststile und Zeitgeschmack. "Sie sind wie eine Chronik", sagt Nissen.

Eine tiefe Ruhe liegt über den Gräbern rund um den hohen Turm des 1150 erbauten Gotteshauses. Westwind fegt welke Blätter über den Kirchhof. Schief und verwittert, mit Flechten und Moos bewachsen, stehen die hohen schmalen Stelen in der fahlen Herbstsonne. Geheimnisvoll wirken sie, nicht alle Inschriften lassen sich entziffern.

Harald Nissen ist der Mann, der die Steine zum Reden bringt. In hohen Gummistiefeln, eine karierte Mütze auf dem Kopf, läuft er über den Friedhof. Er kennt fast jedes Grabmal, weiß um die Geschichten.

Da ist die von Elen Flohr. Eine der wenigen Frauen, die zwischen Grönlandfahrern und Walfängern, Bauern und Pastoren einen eigenen Grabstein hat, eine Barockstele, gesetzt von den "danckbaren Kindern" nach ihrem Tod 1737. Fast liebevoll streicht Friedhofskenner Nissen über den Sandstein. Lange hat er sich mit der Biografie der ungewöhnlichen Frau, die 86 Jahre alt wurde und 51 Jahre lang Witwe war, beschäftigt. "Sie war zwölf Jahre Juratin der Kirchengemeinde, eine Seltenheit in der damaligen Männergesellschaft", sagt er. Sie habe das Amt von ihrem Mann übernommen und besonders gut ausgefüllt. Besonders hat es ihm das Kreisrelief mit den Allegorien von Liebe und Hoffnung auf dem Grabstein angetan. "Ich verzücke jedesmal", sagt Nissen und weist noch auf den Fuß der Stele: "G.S.I.S.G" - Gott sei ihrer Seele gnädig.

Etwa 50 denkmalgeschützte Stelen stehen auf dem Laurentii-Friedhof, zwischen moderneren. Die Steine, gehauen im Weserbergland, wurden wohl meist in Bremen von Steinmetzen bearbeitet. Erst im 18. Jahrhundert entwickelte sich eine eigenständige Steinhauerkunst auf Föhr. Geschrieben wurde nicht in der Alltagssprache Friesisch, sondern Hochdeutsch. Die Motive: Kreuz, Anker, Herz für die christlichen Tugenden Glaube, Hoffnung, Liebe, das Schiff als Sinnbild des menschlichen Lebens, und immer wieder Blumen: Symbol der Vergänglichkeit und als Motiv für den Familienstrauß.

Was ist wichtig in einem Menschenleben, was bleibt, was soll bleiben? Matthias Petersen (1632-1706) hinterließ den einzigen Stein in lateinischer Sprache und die Mitteilung, dass er 373 Wale fing - was ihn reich machte und ihm den Namen "der glückliche Matthias" einbrachte. Über Jacob Marcussen (1753-1789) ist zu lesen, dass er seine Frau Maria (1767-1830) einmal auf eine Reise nach Westindien mitnahm. Von "glücklichen und beglückenden" Müttern ist zu lesen, von "vergnügten" Ehen und Männern, die für das Wohl ihrer Kinder "bis ans Ende unermüdet wirkten". Hunger, Krankheiten und der harte Inselalltag kommen nicht vor.

So stolz die Föhrer auf ihre Grabmale sind, es wurde auch darum gestritten. Ein Teil der Insulaner wollte die Erinnerung an die Vorfahren wieder anmalen. "So werden die Steine erhalten und man kann die Schrift besser lesen", sagt Elke Klein (82) aus Oldsum. Anderen erschien das nicht denkmalsgerecht. Inzwischen gibt es eine salomonische Regelung: Beides ist möglich.

Warum die Insulaner ihre Grabmale zu öffentlichen Biografien machten, bleibt ein Rätsel. "Wenn man sich mit ihnen beschäftigt, spürt man die Glaubenstiefe der Menschen", sagt Harald Nissen. Inzwischen besinnen sich wieder mehr Hinterbliebene auf diese sprachgewaltige Form der Trauer. "Die Steine bewegen", sagt Harald Nissen. "Sie lassen die eigene Vergänglichkeit spüren."

Walter Lüden: Redende Steine. Grabsteine auf der Insel Föhr, 252 Seiten, viele Fotos, Christians Verlag,Hamburg 1984, 98 Mark.

Quelle: Hamburger Abendblatt, 24.11.2001
Ortsinformationen

Süderende

Ort: Süderende
PLZ: 25938
Bundesland:Schleswig-Holstein
Kreis: Nordfriesland


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