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Presseschau

05.11.2001 - Ellwangen (Jagst) (Baden-Württemberg):
Wirbel um das neue Hexenmahnmal
Eingetragen von Redaktion

Im November wird in Ellwangen ein Mahnmal eingeweiht, das an die 400 Opfer der Hexenverfolgung erinnern soll.

Ein schlichtes Mahnmal soll in Ellwangen (Ostalbkreis) künftig an die Not der Verfolgten während der Hexenprozesse in der frühen Neuzeit erinnern.
Dass sich die Kirche an den Kosten beteiligt, stößt aber nicht überall auf Gegenliebe.

Am Fuße des Galgens ruhen menschliche Gebeine

Von Annegert Bock

Günter Marek, der ehemalige Stadtrat der Freien Bürger, hatte schon 1998 den Antrag gestellt, dass die Stadt den Opfern des religiösen Wahns in der Zeit der Hexenprozese ein Denkmal setzt. Jetzt ist er enttäuscht: Er hält es für falsch, dass sich die Kirche an den Kosten für das Denkmal beteiligt. Die Ellwanger haben sich, wie der Kulturreferent Anselm Grupp berichtet, entschlossen, das Mahnmal gemeinsam mit der katholischen Kirche aufzustellen. Im November ist ein gemeinsamer Festakt geplant. Das Thema der Ellwanger Hexenverfolgung ist nicht nur in einem Buch des Ellwanger Lehrers Hans Gebhard, sondern auch in einer Magisterarbeit aufgearbeitet worden. Viele Forschungen der mittelalterlichen Hexenprozesse zeigten, dass der Anstoß zu Verfolgungen häufig von den Bürgern kam, erklärt Anselm Grupp.

Der Ellwanger Oberlehrer Hans Gebhard hat sich schon immer für Vor- und Frühgeschichte interessiert. Eine Fundstelle, auf die ihn vor Jahren der Stadtförster aufmerksam machte, hatte ungeahnte Konsequenzen. Gebhard stieß auf menschliche Gebeine, er hatte das Fundament des ehemaligen Ellwanger Galgens entdeckt.

Später hätten Archäologen des Landesdenkmalamtes die Grabungen fortgesetzt und bestätigt, dass auf dem außerhalb der Altstadt gelegenen Galgenberg einst ein dreiseitiger Galgen stand. "Das ist eine Besonderheit", berichtet Gebhard, gleich zwölf so genannte Maleficenten konnten auf einmal gehenkt werden. Es gab in Ellwangen, das hat Gebhard bei seinen Recherchen im Ludwigsburger Stadtarchiv herausgefunden, tatsächlich eine Zeit, in der man in der damals nur 1500 Einwohner zählenden Stadt so viel Platz am Galgen brauchte. Unter dem Fürstprobst Johann Christoph von Westerstetten, der zwischen 1603 und 1608 das Ellwanger Renaissanceschloss gebaut hatte, begann 1611 eine Massenhysterie. Sieben Jahre lang währte der religiöse Wahn.

Nach Gebhards Überzeugung wurden mindestens 450 Ellwanger Opfer des Hexenwahns, der schon 1588 begonnen hatte. Im Jahr 1611 freilich war es so schlimm wie nie, in nur einem Jahr kamen 130 Menschen zu Tode. Nicht nur Hebammen und Bettlerinnen wurden der Zauberei verdächtigt, Opfer des Wahns wurden auch reiche Leute. Neun von zwölf Stadträten und Richtern kamen an den Galgen. Die meisten Opfer aber waren vermeintliche Hexen, darunter 16-jährige Mädchen, Mütter mit ihren Kindern und Witwen. Gebhard zählte etwa 360 Frauen, die bei den Hexenprozessen in Ellwangen den Tod fanden. "Fast jede zweite Frau in Ellwangen war damals betroffen", meint Gebhard.

Auch in Ellwangen war der berüchtigte "Hexenhammer" Grundlage der Prozesse. Dieses 1484 von Jakob Sprenger und Heinrich Institoris verfasste "Malleus Malleficarum" gilt als das "unheilvollste Buch der Weltliteratur". Durch die Buchdruckerkunst fand es in ganz Europa Verbreitung.

Dem Hexenhammer zufolge genügte eine einfache Anschuldigung, um an den Galgen zu kommen. Wer sich verteidigte, war schuldig, wer schwieg, desgleichen. Unter der Folter gestanden die Menschen Taten, die sie nie begangen hatten. Da freilich die Überzeugung vorherrschte, dass Gott den Tod eines Unschuldigen nicht zulasse, führte jede noch so absurde Anschuldigung zu neuen Prozessen. "Gesagt, und sind darauf gestorben", diesen Satz habe er immer wieder in den Akten gefunden, berichtet Gebhard.

Er hat seine Recherchen in einem Buch verarbeitet, das den Namen die "Pfitzerin" trägt. Den Titel hat er gewählt, weil es nur einem einzigen Mann, nämlich Caspar Pfitzer, gelang, vor dem Prozess zu fliehen. Seine Frau, die Pfitzerin, fand den Tod. Gebhards Buch hat bei seinem Erscheinen die Gemüter der Ellwanger erregt. "Sie haben das alles nicht so gerne hören wollen", meint der Autor. "Aber es ist ja die geschichtliche Wahrheit." Man sollte daraus lernen, welche Folgen religiöser Fanatismus haben könne, gerade deshalb sei das Thema in diesen Tagen wieder aktuell.

Quelle: Stuttgarter Zeitung, 23.10.2001



Kreuz bei Mahnmal abgesägt

Mit einem Scheiterhaufen und einem schwarzen Kreuz wird seit gestern in Ellwangen im Ostalbkreis der Opfer der berüchtigten und grauenvollen Hexenverfolgungen in vergangenen Jahrhunderten gedacht. Auf dem einstigen Standort eines Galgens kam es zu einer Protestaktion.

Ellwangen· Dass ausgerechnet ein Kreuz am einstigen Ellwanger Galgen aufgerichtet wurde, stieß fast 400 Jahre nach dem Ende der Hexenverfolgung bei Teilen der Bevölkerung in und um Ellwangen auf Unverständnis. Wenige Stunden vor der Einweihung der Gedenkstätte sägten Unbekannte das Kreuz direkt beim Mahnmal ab. Sie hinterließen einen Zettel, auf dem es heißt, die katholische Kirche habe kein Recht, der von ihr umgebrachten unschuldigen Opfer zu gedenken. Zur Einweihung gestern Nachmittag stand das Kreuz wieder.

Schon im Vorfeld hatte sich der Initiator des Mahnmals, Klaus Marek, empört: ¸¸Es ist ein Unding, dass ein Kreuz auf der Stelle steht, an der viele unschuldige Menschen im Zeichen des Kreuzes getötet wurden.' Von dem Anschlag auf das Mahnmal distanzierte er sich jedoch: ¸¸Damit habe ich nichts zu tun.' In Ellwangen war der Hexenwahn nach 1588 besonders furchtbar. Bis 1618 wurden mindestens 450 der Hexerei beschuldigte Menschen hingerichtet. In Süddeutschland lässt sich ein ähnliches Ausmaß der Hexenverfolgung nur in Bamberg, Würzburg und Eichstätt nachweisen.

Grund für das Mahnmal gab ein fast unglaublicher Zufall: Bei der Recherche für sein Buch ¸¸Die Pfitzerin' entdeckte der Ellwanger Lehrer Hans Gebhard 1990 die verscharrten menschlichen Skelette in einem Waldstück außerhalb Ellwangens. Herausgerissene Wurzeln nach dem Orkan ¸¸Wiebke' hatten im Bereich ¸¸Galgenwald' ein Stück der dunklen Vergangenheit der Stadt zu Tage gefördert. Im Frühjahr 1991 legten Mitarbeiter des Landesdenkmalamts die Fundamente des dreiseitigen Galgens frei, den Andreas Gut, der Leiter des Ellwanger Alamannenmuseums, als den ¸¸am besten erforschten Galgen Deutschlands' bezeichnet.

In seinem Buch hat Gebhard den Opfern der Ellwanger Hexenprozesse mit einer Protagonistin ein Gesicht verliehen. Recherchiert hat er in den Ellwanger Archiven, besonders aber im Ludwigsburger Staatsarchiv. Die ältesten Urkunden zeugen von Hinrichtungen seit dem letzten Viertel des 15. Jahrhunderts. Seit mindestens 1220 hatte die Stadt die so genannte Blutgerichtsbarkeit inne. Ein besonders blutiges Jahr in der Stadt an der Jagst war 1611: 130 Menschen, vor allem Hebammen, Stadträte, Richter und Bettlerinnen seien an dem Galgen gestorben, an dem zwölf Menschen gleichzeitig gehenkt werden konnten, sagt Marek.

Quelle: Süd-West-Presse, 03.11.2001



"Wer das Kreuz umgesägt hat, der hat gar nichts verstanden"

ELLWANGEN - "Kein Kreuz den Opfern durch das Kreuz", dieses Zitat hat der Unbekannte hinterlassen, der in der Nacht zum Freitag das Mahnmal für die Opfer des Hexenwahns im Galgenwald umgesägt hat. Bis zur Einweihung gestern Nachmittag stand es wieder.

Von unserer Redakteurin Beate Gralla

"Ich war geschockt", sagt Kreisdekan Patriz Hauser, der mittags von dem nächtlichen Vandalismus erfuhr. Die katholische Gesamtkirchengemeinde finanziert das Mahnmal. Zwar habe es Diskussionen um die Gestaltung gegeben, doch schließlich sei der Entwurf von Künstlerpfarrer Sieger Köder von allen Gremien gebilligt worden. "Für mich ist das Friedhofsschändung, denn dieses Mahnmal ist ein sehr, sehr spätes Grab. Wir rätseln, wer das getan haben könnte."

Einer von jenen, die die Gestaltung des Mahnmals im Vorfeld kritisiert haben, ist Klaus Marek.-Es gehöre zur Demokratie, dass man unterschiedlicher Meinung sein könne, betonte er. Aber das heiße nicht, dass jemand das Recht habe, das Kreuz einfach abzusägen: "Ich verurteile das."

Wer da nachts die Säge angesetzt hat, weiß zur Zeit niemand. Blinde Zerstörungswut sei es aber wohl nicht gewesen, mutmaßt Anselm Grupp, Leiter des Presseamts, wegen des Zitats, das ans umgesägte Kreuz geheftet wurde. Die Stadt hat Anzeige erstattet, der Schaden beläuft sich auf rund 10 000 Mark.

"Wer das Kreuz abgesägt hat, der hat gar nichts verstanden", sagte Oberbürgermeister Dr. Hans-Helmut Dieterich in seiner Rede zur Einweihung des Mahnmals. "Viele der über 400 Männer und Frauen, die in Ellwangen der Hexerei bezichtigt wurden, starben an dieser Stelle." Das Mahnmal solle zwei Dinge zeigen: Dass den unglücklichen Männern, Frauen und Kindern vor Gott und den Menschen ihre persönliche Würde nicht genommen werden konnte. Und es solle den Betrachtern vor Augen führen, dass Fanatismus, Dummheit, Radikalität und Aberglaube keine Chance haben dürften.

"Sieger Köder wollte hier nichts Dramatisches ins Bild setzen", erläuterte Dekan Anton Eßwein die Gedanken des Künstlerpfarrers. Mauersteine vom alten Friedhof grenzten das Mahnmal ab. Früher hätten sie die vermeintlichen Hexen ausgegrenzt, die außerhalb des Friedhofs begraben wurden. Holzbalken symbolisierten die Scheiterhaufen, darüber stehe ein senkrechter Pfahl, wie diejenigen, an denen die Menschen festgebunden und verbrannt wurden. Aus dem Pfahl entstehe der Galgen und das Kreuz. "Wir haben Achtung vor dem Leben und Sterben der Opfer", sagte Eßwein. Genau das solle die Inschrift aus drücken: "Non confundar in aeternum (Ich werde nicht zuschanden in Ewigkeit)".

Das Segensgebet und die Fürbitten sprach Patriz Hauser: "Wir denken an die Menschen, die gefoltert werden, die ihrer Würde beraubt werden, die das Kreuz des Sterbens tragen." Umrahmt wurde die Einweihung von einer Bläsergruppe.

Quelle: SZ-On, 02.11.2001

Quelle: SZ-On, 02.11.2001
Ortsinformationen

Ellwangen (Jagst)

Ort: Ellwangen (Jagst)
PLZ: 73479
Bundesland:Baden-Württemberg
Kreis: Ostalbkreis


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