monumentum.net  
Presseschau Termine ebay Alarm Forum Bücherecke Surftipp Lexikon
Anmelden / Mein Konto
19.04.2018
Drucken | Senden | Bookmark

Presseschau

06.06.2000 - Kiel (Schleswig-Holstein):
Der Jäger der verlorenen Schätze
Eingetragen von Redaktion

Kunsthistoriker Uwe Albrecht kritisiert "unsensiblen Umgang" mit Denkmalen

Quelle:
Durch Zufall entdeckte der Kunsthistoriker Prof. Uwe Albrecht den zerbrochenen Sarkophag-Deckel der Anna Pogwisch auf dem Betriebshof der Stadtwerke am Holzkoppelweg.
Manchmal, nach einem kräftigen Regenschauer oder der Schneeschmelze, zieht es Uwe Albrecht in das Düsternbrooker Gehölz. Dann findet er hinter der Böschung der Aussichtsplattform "Marienhain" schon mal kleine Tontafeln mit Namen gefallener Soldaten. "Das sind die Überreste einer im Zweiten Weltkrieg zerstörten Ehrenhalle", erzählt Albrecht.
Die Geschichte des vollständig verschwundenen Bauwerks reicht bis ins Jahr 1807 zurück. Damals entwarf Axel Bundsen, der auch die Pläne für das Herrenhaus Knoop anfertigte, einen kleinen Tempel in altgriechischem Stil nördlich der Krusenkoppel. Mitte der 30er-Jahre wurde der "Marientempel" zum Ehrenmal für die Gefallenen der Stadt ausgebaut. Die Wände des Namenssaales waren mit Tontafel bedeckt, die Namen und Todestag von rund 8000 Gefallenen trugen. Dass diese Tafeln seit der Zerstörung des Bauwerks unbeachtet im Waldboden umherliegen und keine Hinweisschilder die Geschichte des "Tempels" erläutern, hält Uwe Albrecht für einen "äußerst unsensiblen Umgang mit den Denkmalen der Stadt."

Ein weiteres Beispiel für mangelnde Sensibilität entdeckte der Kunsthistoriker durch Zufall vor einigen Jahren auf dem Betriebshof der Stadt am Holzkoppelweg. Zwischen Baustoffen und Gestrüpp lag der steinerne Sarkophag-Deckel der Anna Pogwisch, der im Februar 1972 bei Straßenbauarbeiten hinter dem Chor der Nikolaikirche gefunden worden war. Bei den Bauarbeiten hatte ein Bagger die Steinplatte der 1672 beigesetzten adligen Stifterin vieler Kunstwerke in Schleswig-Holstein beschädigt. Albrecht: "Offenbar wusste man damit nicht mehr viel anzufangen und hat die zerbrochenen Teile der Platte in den Bauhof gebracht."

Die Steinplatte könnte allerdings bald in die Nähe ihres Fundortes zurückkehren. Denn im Zuge der Neugestaltung des Kloster-Kirchhofes soll der Sarkophag-Deckel auf Vorschlag von Uwe Albrecht mit einer Info-Tafel im Klostergarten zu sehen sein.

Endgültig verloren scheint ein weiteres Denkmal: die von Fritz During geschaffene Skulptur zweier trauernder Frauen mit der Inschrift "Gebt unsere Gefangenen frei". Bis Anfang der 90er-Jahre stand die Stele, die 40 Jahre lang an die noch nicht zurückgekehrten Kriegsgefangenen erinnern sollte, auf dem Berliner Platz. Doch nach dem Umbau des Kaufhauses Woolworth verschwand die laut Uwe Albrecht bedeutende Arbeit. 1993 entdeckte der Kunsthistoriker die Reste der durch den Abtransport zerbrochenen Stele auf dem Betriebhof am Holzkoppelweg (KN berichteten). Doch inzwischen scheint das Denkmal, über dessen politische Berechtigung und Bedeutung jahrzehntelang gestritten wurde, nicht mehr zu finden zu sein: Bei einem erneuten Besuch Albrechts auf dem Betriebshof waren die letzten Reste der vier Meter hohen Skulptur verschwunden.

Dieses Schicksal ereilte auch Plato, Hippokrates, Solon und Aristoteles. 1881 wurden die Monumentalfiguren aus Kalksandstein vor dem alten Uni-Kollegiengebäude am Schlossgarten errichtet. Die Statuen, die die vier Fakultäten der Universität symbolisierten, wurden zwar (bis auf Plato) durch Bombenangriffe "kopflos", blieben aber zunächst stehen. Doch als die Ruine des von dem berühmten Architekten Richard Gropius (1824-1880) entworfenen Kollegiengebäudes 1951 gesprengt wurde, hatten man wohl auch keine Verwendung mehr für die Philosophen.

Die Skulpturen der Staatsbildhauer Wilhelms II., Gustav Eberlein und Carl Begas, wurden laut einem Band zur Kieler Stadtgeschichte "in einen Bombentrichter geschafft, um sie vor Beschädigungen zu bewahren." Wenig später entstand an dieser Stelle am Schlosspark ein Parkplatz. Die "Gebeine" der Stein-Philosophen ruhen bis heute darunter. Plato diente einem besonderen Zweck: Er wurde zur Aufschüttung des Oslo-Kais verwendet.

JÜRGEN KÜPPERS

Quelle: Kieler Nachrichten, 06.06.2000
Ortsinformationen

Kiel

Ort: Kiel
PLZ: 24103
Bundesland:Schleswig-Holstein
Kreis: Kreisfreie Stadt Kiel


Verwandte Beiträge

Alles was Recht ist! (63)
Allg. Denkmalschutz (26)
Schleswig-Holstein (8)
Home | Newsletter | Impressum | Urheberrecht © 1995 - 2008 monumentum.net -- Beachten Sie unseren Haftungsausschluß