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18.11.2017
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Presseschau

02.08.2016 - Weissach (Baden-Württemberg):
Als die Gerechtigkeit klar abgegrenzt war
Eingetragen von Redaktion


Quelle: Foto: factum/Bach
Günther Maier und Brigitte Brosch studieren die Karte. Silvia Meyer-Staufenbiel hat einen Grenzstein entdeckt – vorne mit dem württembergischen Wappen.
Weissach - Ihre neugierigen Augen sind überall. „Da waren dann plötzlich diese Grenzsteine“, erinnert sie sich. „Und das waren gleich so viele.“ Das ist jetzt schon einige Jahre her, Brigitte Brosch war eigentlich auf Geocaching-Tour, also auf Schatzsuche mit dem GPS-Gerät.

Woraus der Schatz bestanden hat, weiß sie heute längst nicht mehr, aber die Grenzsteine, die sind ihr immer noch in lebhafter Erinnerung. Also nichts wie hin, zu all den historischen Überbleibseln, die einsam im Wald auf wissbegierige Besucher warten, die neugierig sind auf eine Grenzerfahrung.

Ihnen hilft Silvia Meyer-Staufenbiel weiter, die als rüstige Unruheständlerin ebenfalls überall rotiert, wo es was zu entdecken gibt. „Meine neugierige Nase stecke ich überall rein“, sagt sie. „Und das sammle ich dann in meinem Kopf.“ Zehn Jahre ist es jetzt bestimmt schon her, dass sie diese merkwürdigen Steinrelikte entdeckt hat, hier im Flachter Wald, wo der Wanderer zunächst über die malerischen Heckengäuwiesen schlendern kann.

Zunächst zur Flachter Waldhütte

Von dem kleinen Gewerbegebiet Neuenbühl geht die gemütliche Halbtagswanderung zunächst bis zur Flachter Waldhütte, wo die hungrigen Mäuler schon mal ihre Grillkünste austesten können. Aber gleich anschließend wartet die gemeine Frage: Wo ist die blaue Raute? Denn ihr folgt die heutige Wegmission, die Raute markiert den Wegverlauf. Und dafür ist wiederum Silvia Meyer-Staufenbiel verantwortlich. „Diese Raute kennzeichnet ja den Wanderweg vom Leonberger Bahnhof nach Friolzheim“, erklärt sie. „Da dachte ich eines Tages, dass man ja eigentlich auch den Grenzsteinweg hier miteinbeziehen könnte.“ Gedacht, gesagt, getan – nach einem Anruf bei Günther Maier. Er ist seines Zeichens der Wegewart dieses blau rautierten Wanderwegs. „Ja, zusammen mit meiner Frau gehe ich diesen Weg einmal im Jahr“, erklärt er. „Da muss ich dann die Wege von den Ästen befreien, und schauen, ob die Rauten noch alle da sind.“

Das sind sie zum Glück, denn kurz nach der Waldhütte müssen alle Augen offen sein, sonst verpassen sie, dass es links hinein auf einen kleinen, schmalen, gemütlichen Waldweg geht. Und schon kurze Zeit später eine echte, historische Sensation wartet. „Da können wir direkt in die Eiszeit wandern“, sagt Silvia Meyer-Staufenbiel, die natürlich auch über diesen Hügel genau Bescheid weiß. Etwa, dass er bestimmt schon 100 000 Jahre alt ist, entstanden durch die Verwitterung des Muschelkalks. Die darüber liegende Erdschicht ist eingebrochen – und das Erdloch ist entstanden.

Auch die anderen interessanten Stellen locken die Wandersfrau und den Wandersmann. Denn eine weitere blaue Raute weist den Weg – und dann tauchen sie auch schon auf, die Grenzsteine. Steinern stehen sie tapfer im Wald, alle paar Meter ein weiterer Kollege, der rüber blinkt, als ob er sagen wollte: „Bis hier her, hier ist die Grenzlinie, wenn du darüber gehst, bist du in einem anderen Reich.“

Der Staat wollte Steuern einziehen

„Grenzsteine markierten konkrete rechtliche Grenzen“, erklärt Helga Hager, Historikerin und Archivarin im Böblinger Kreisarchiv. „Der Staat hatte großes Interesse daran zu wissen, bis wohin sein Gebiet geht – nicht zuletzt, um dann entsprechende Steuern einziehen zu können.“ Kunstvoll sind sie daher gestaltet, das Entstehungsjahr 1841 ist eingemeißelt, die württembergischen Hirschstangen zeigen, welche Seite zum gelobten Ländle gehört.

Und die andere Seite? Welches Reich betritt man nun, wenn man die magische Grenze überschreitet? Da muss der Wanderer weiter kräftig die Augen offen halten und nach einem kleinen unscheinbaren Schild suchen. „Gerechtigkeitswald Flacht“ ist darauf zu lesen. Ihn gibt es noch heute, ein Gemeinschaftswald vieler Flachter. Hans Gommel ist der Vorsitzende. „Das Kloster Maulbronn hat damals den Flachtern diesen Wald geschenkt“, erzählt er. Wann das war? „1840.“ Aha. Lange her, den Gerechtigkeitswald grenzen sie heute noch ab. Aber auch darüber hinaus sind die ehrwürdigen Relikte noch lange nicht in den Ruhestand entlassen. Denn hinter ihnen endet der Kreis Böblingen – und der Enzkreis beginnt.

Brigitte Brosch hat da schon längst den nächsten Grenzstein entdeckt, und noch einen. „Wir haben hier so eine interessante Gegend“, sagt sie, „die muss man einfach erwandern.“

Quelle: http://www.leonberger-kreiszeitung.de/, 02.08.2016
Ortsinformationen

Weissach

Ort: Weissach
PLZ: 71287
Bundesland:Baden-Württemberg
Kreis: Böblingen


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