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19.10.2017
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Lexikon

Haus und Floßzeichen
erfasst von Redaktion 

Mit der Aufgabe eines landwirtschaftlichen Betriebes verschwinden oftmals auch die landwirtschaftlichen Gebäude. Vor allem die aus Holz erbauten Nebengebäude, Scheunen und Schuppen werden immer weniger.

von Kreisheimatpfleger Roland Graf

Es ist deshalb nicht verwunderlich, wenn handgeschlagene Ziegel, handgebeilte Balken und lehmgestampfte Tennen bald der Vergangenheit angehören und nur noch in den Freilandmuseen eine Chance zum Überleben haben. Keinerlei Beachtung schenkt man beim Abriss der Holzscheunen den verwitterten Außenverkleidungen. Aus Sparsamkeit hatten hier die Zimmerleute keine Bretter angeschlagen, sondern ungleichmäßige “Holzschwarten” verwendet, die als Abfallprodukte beim Sägen der Stämme angefallen waren. Wer diese verwitterten Holzschwarten näher betrachtet, der entdeckt auf ihnen geheimnisvoll anmutende Zeichen der unterschiedlichsten Art, die ebenfalls mit dem Abriss für immer verloren gehen.

Es sind Besitzstandszeichen der Waldbesitzer, Flößer und Holzaufkäufer, die mit diesen Zeichen einstmals ihr Eigentum kennzeichneten. Das Einritzen geschah mit einem Holzreißer, einer U-förmigen scharfen Klinge, die man im Frankenwald als “Nüt”, “Üt” oder “Ü” kennt. Eine weitere Form der Kennzeichnung von Holzstämmen war die Anwendung des Waldhammers.

Hausmarken und Floßzeichen sind seit sieben Jahrhunderten im Norden Europas, in Schweden, Dänemark, in den Niederlanden, in Großbritannien und in Deutschland bekannt. Eine Unterscheidung zwischen Hausmarke und Floßzeichen im Frankenwald ist allerdings nur bedingt möglich, denn die Floßzeichen wurden oftmals auch als Hausmarken verwendet und umgekehrt.

Eingeritzt in bäuerliche Geräte, Handwerkszeuge und Alltagsgegenstände waren sie Besitzstandszeichen. Besonders verdeutlicht dies der Brauch, dass die “Mitgift” junger Frauen bei der Heirat mit dem Hauszeichen des Ehemannes versehen wurde.

Selbst an fromme Stiftungen ließen die Votanten ihre Haus- und Floßzeichen anbringen. Als Beispiel sei hier die Empore der St.-Nikolaus-Kapelle in Kronach genannt, an deren Brüstungfeldern sich eine größere Anzahl an Votivtafeln vorfindet. Die Malereien entstanden in der Zeit zwischen 1590 bis 1596 und zeigen Kronacher Stifterfamilien, die den unterschiedlichsten Berufsständen angehörten. Jeder der Stifter ist mit einem Berufssymbol oder mit seinem Hauszeichen abgebildet. Verschiedene Zeichen gleichen sehr stark den Steinmetzzeichen. Wären sie an bearbeiteten Steinen zu finden, so würde man sie bedenkenlos als Steinmetzzeichen interpretieren.

Zuflucht suchend Hauszeichen findet man auch an den Flurdenkmalen unserer Heimat. An einer Sandsteinmarter in Wallenfels-Hammer hat sich die Stifterfamilie mit lebenden und verstorbenen Personen darstellen lassen. Zuflucht suchend wenden sich die Votanten zu Gottvater, der von Wolken umgeben über der Familie schwebt. An der Basis des Aufsatzes befinden sich die Initialen C. S. I. F. und darunter das Hauszeichen der Stifterfamilie.

Desgleichen ließ auch der Neuseser Johann Gäßlein Junior seine Initialen J.G.J., die Jahreszahl 1815 und sein Haus- beziehungsweise Floßzeichen in den Schaft der von ihm gestifteten Marter einmeißeln. Sie steht heute am Zollwehr zwischen Neuses und der Zollschere. Weitere Zeichen befinden sich an Martern in Letzenhof, Friesen, Brauersdorf, Größau, Steinwiesen, Hirschfeld und Zeyern.

Im Laufe der Zeit gab es eine Fülle an verschiedenen Haus- und Floßzeichen. Um einen Überblick über die vielen Zeichen zu erhalten, ließ die königliche Distriktspolizeibehörde im Vollzug der Floßordnung vom 21. Februar 1844 ein Kataster angelegen, in dem sämtliche Floß- und Hauszeichen der Flößer und Holzhändler, welche ihr Geschäft gewerbsmäßig betrieben, eingetragen waren. Jeder Waldbesitzer hatte ein solches Zeichen zu führen, womit er das ihm gehörige Commerzialholz nach erfolgter Fällung und Vorrichtung zum Handel mit seinem Hauszeichen zu versehen hatte.

Ebenso war jeder Holzhändler verpflichtet, bei der Übernahme von erkauftem Holz das selbe, außer seinem Floßzeichen, mit dem Waldhammer zu bezeichnen. Diese Zeichen durften von keinem Holzhändler während der Dauer des Geschäftsbetriebes abgeändert werden.

Als Unterschrift gültig

Die Rechtsfunktion wurde hervor gehoben, indem jeder Zeichenbesitzer eigenhändig sein Zeichen in die amtliche Liste eingetragen musste. Das Zeichnen und Schlagen des Holzes durfte nur vom Waldbesitzer selbst oder von dessen speziell hierzu beauftragtem und mit einer Vollmacht versehenem “Schaffer” vorgenommen werden. Die Zeichen hatten die Gültigkeit einer Unterschrift. Sie gingen in der Regel vom Vater auf den Sohn über. Ebenso konnten sie von einem früheren Besitzer an seinen Nachfolger übertragen werden, was jedoch die Meldung an die Behörde voraussetzte. Wollte jemand ein neues Zeichen erwerben, so hatte er die Bewilligung der Distriktspolizeibehörde einzuholen und eigenhändig das Zeichen in die amtliche Liste einzutragen.

Im Jahre 1870 bemängelte das königliche Bezirksamt bei einer Überprüfung der Zeichen, dass sich vieles verändert habe. Manche Zeichen seien eingegangen und andere an ihre Stelle gekommen, ohne dass hierüber Meldung erfolgt sein. Auch kam es immer wieder zu Verstößen gegen das unrechtmäßige Führen bereits vergebener Haus- und Floßzeichen.

So klagte ein Höfleser Ökonom beim Kgl. Bezirksamt in Kronach, dass sein eingetragenes Hauszeichen von einem besitzlosen Höfleser als Floßzeichen geführt werde. Da mit dem Zeichen auch gewisse Haftungsverbindlichkeiten verbunden seien, bat er darum, dem Besitzlosen das Führen seines Zeichens zu verbieten, was auch geschah. Andere hatten ihr Zeichen verkauft oder geändert, da es wegen der Ähnlichkeit mit anderen Zeichen zu Verwechslungen der Ware gekommen und dadurch finanzieller Schaden entstanden war.

Deshalb wurden nochmals alle Zeichen führenden Gemeinden vom Bezirksamt aufgefordert, eine Neubearbeitung der Liste vorzunehmen. 1872 enthielt das Kataster für den Bezirk Kronach 390 Floßzeichen und 1225 Hauszeichen, wovon die meisten Floßzeichen (71) auf die Stadt Kronach entfielen, 44 auf Wallenfels und 43 auf Steinwiesen. Die meisten Hauszeichen führte man in Steinwiesen (230), in Wallenfels 210 und in Zeyern 96.

Das Haus- und Floßzeichen war ein Rechtssymbol und diente zur Kennzeichnung des Eigentums. Niemand durfte das Zeichen ungestraft entfernen. Man führte es voller Stolz und ließ es am Haus in Stein meißeln, wie es in Unterrodach heute noch mehrfach zu sehen ist. Dieser Stolz spiegelt sich auch darin, dass man sein Floßzeichen selbst auf dem Grabmal anbringen ließ.

Ein schönes Beispiel hierfür findet man auf dem Kronacher Friedhof am Grabmal des Georg Pfaff, Bürger und Floßherr zu Kronach, der im August 1819 verstarb. Die umfangreiche Inskription des Grabsteines endet mit einem Floßanker und dem Floßzeichen des Verstorbenen. Den Anker in diesem Fall als ein Symbol für Hoffnung zu deuten, dürfte nicht zutreffend sein. Dieses Gerät, das auf jedem größeren Floß mitgeführt wurde, sollte realitätsbezogen gesehen werden, denn man findet Abbildungen von Ankern auch an den Haustüren der Flößerhäuser und in den Türschluss-Steinen.

Ähnliche Beispiele wie auf dem Kronacher Friedhof gibt es auch in Norddeutschland. Auf der Ostseeinsel Hiddensee haben sich auf dem Friedhof in Kloster eine größere Anzahl an Grabsteinen erhalten, die sowohl mit Namen, Lebens- und Sterbedaten, als auch mit dem persönlichen Hauszeichen der Inselbewohner versehen sind. Eine Auswahl der Inselzeichen bewahrt man, eingeritzt in Holzplanken, im Heimatmuseum auf. Hier findet der Besucher auch einige der Hinterlassenschaften der Verstorbenen. Auf Grund der eingeritzten Zeichen können Essbestecke, Handwerkszeug und landwirtschaftliche Gerätschaften ihren einstigen Besitzern zugeordnet werden.

Eine zusätzliche Rechtsfunktion erlangten die Hauszeichen bei Leuten, die des Schreibens unkundigen waren. Als deutsche Auswanderer aus der Rheinpfalz und vom Ober- und Niederrhein im 18. Jahrhundert nach Amerika auswanderten, mussten sie bei ihrer Ankunft mit ihrer Unterschrift bestätigen, dass sie den Entsagungs- und Untertaneneid geleistet hatten. Da viele des Schreibens unkundig waren, bestätigten sie dies mit einem Zeichen. Den Vor- und Zunamen musste ein Schreiber hinzusetzen.

Englisch beeinflusst

So ist auch zu erklären, dass mancher deutsche Name auf den Listen englisch beeinflusst ist. Meist waren es einfache Kreuze, wie man sie auch von Beurkundungen bei uns kennt, wenn der Unterzeichnende des Schreibens unkundig war. Die Anerkennung der ”drei Kreuze” als Unterschrift verlangte jedoch bei uns nach anwesenden Zeugen, die die Identität des Unterzeichners als persönlich bekannt bestätigten.
Quelle: Roland Graf
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