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20.10.2017
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Lexikon

8. Inschriften im deutschen Sprachbereich
erfasst von Redaktion 

Die im deutschen Sprachbereich erhaltenen jüdischen Grabsteine tragen vom frühen Mittelalter an hebräische Inschriften. Schon auf den ältesten uns bekannten Steinen finden sich Formeln und Lobsprüche, die bis in die Gegenwart hinein verwendet werden. Neben dieser hebräischen Eulogie, dem Lob der Verstorbenen, treten im Laufe des 19. Jahrhunderts auch deutschsprachige Angaben hinzu:
Name und Lebensdaten nach der christlichen Zeitrechnung. Diese Daten wandern allmählich von der Rückseite des Steines, wo sie zunächst zu finden sind, nach vorne unten und drängen, oft durch Sinnsprüche und Verse erweitert, das Hebräische immer mehr zurück, bis es völlig verschwindet oder nur in Formeln überlebt.

Das Hebräische verschwand, weil es kaum noch jemand richtig zu lesen und zu schätzen vermochte. Es rettete sich in standardisierte Abkürzungen für das obenstehende "Hier ist begraben".

Für einen sehr begrenzten Zeitraum, etwa kurz vor der Mitte des 19. Jahrhunderts, werden beide Seiten der Steine gleichrangig benutzt. Die alten ehrwürdigen Wendungen und Lobpreisungen werden auch in deutscher Sprache zum Ausdruck gebracht. Auf den ersten Blick scheinen die Inschriften identisch zu sein.
Doch der deutsche Text wiederholt nicht einfach den hebräischen, sondern er drückt ihn auch anders aus. Die hebräischen Sätze sind häufig aus Bibelzitaten zusammengestellt. In den deutschen Texten werden die biblischen Redewendungen dem Zeitgeschmack angeglichen. Die "tüchtige Frau biedere Frau Gazelle der Anmut prägt, als von dem, womit sich Geist und Seele über Jahrhunderte befaßt haben.

Diese Zweisprachigkeit erforderte eine gewisse geistige und sprachliche Mühe. Hinzu kam der materielle Aufwand. Dies war sicherlich nicht für jeden Verstorbenen von den Hinterbliebenen zu leisten gewesen.

Der Übergang vom Hebräischen zum Deutschen ging nicht in allen Gebieten und Gemeinden zeitgleich vor sich. Es gab zeitliche Verschiebungen von Region zu Region, von Ort zu Ort und von Familie zu Familie. Zugleich unternahm man den Versuch, die traditionell-jüdischen Inhalte der Inschrift ins Deutsche zu übertragen.
Dieser Versuch wurde bald aufgegeben. An die Stelle der ursprünglichen Formulierungen traten die in der christlichen Umwelt üblichen Attribute: Verwandtschaftsbeziehungen, Gefühle der Hinterbliebenen, berufliche Stellung. Außerdem wurden Tod, Trauer, Trost, Lob und Klage immer privater und damit nicht mehr Gegenstand öffentlicher Inschriften. Eine Ausnahme machten dabei nur einige orthodoxe, d.h. "gesetzestreue

Diese Reduzierung der Inschrift auf die reinen persönlichen Daten wäre den Juden des Mittelalters und der frühen Neuzeit völlig unverständlich gewesen. Für sie bestand der Sinn eines Grabsteins darin, Identität durch die Erinnerung an den Bestatteten in seiner Abfolge der Geschlechter zu erhalten.
Der völlige Verzicht auf mehr als die Nennung nur eines Namens war unvorstellbar. Das Judentum sei, so hat man gesagt, die "Religion des guten Gedächtnisses" und es ist daher verständlich, wenn es Wert darauf legt, seine Grabstätten so lange als irgend möglich zu erhalten und wirklich jedem und jeder Toten ein Denkmal aus Stein setzen zu lassen - auch Ausdruck der Kostbarkeit des einzelnen Lebens und der Leb"nskraft einer kleinen und bedrängten Minderheit.

Vom Mittelalter bis in die Neuzeit wurde bei allen regionalen und chronologischen Unterschieden erstaunlich kontinuierlich formuliert, so das sich gewisse Grundmuster gleichen. Es gibt einen Formel- und Zitatenschatz, der sich als festes Gerüst bewährt hat. Hinzu tritt die Freiheit des Formulierens, Variierens und Kombinierens.
Quelle: Quelle: http://www.pomoerium.de/archiv/varia/ridder1.htm
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