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20.10.2017
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Lexikon

7. Die Grabinschriften
erfasst von Redaktion 

Die auf jüdischen Friedhöfen erhaltenen Grabsteine sprechen zu uns, doch bleibt den meisten Betrachtern ihr Reden unverständlich. Es genügt nicht, die Hemmnisse der hebräischen Schrift und Sprache zu überwinden.
Die hebräische Epigrafik (Inschriftenkunde) hat ein eigenes System von idiomatischen Ausdrücken und Abkürzungen geprägt, die erst entschlüsselt werden müssen.

Die Grabsteine müssen Inschriften tragen. Es können knappe oder ausgiebig Berichtende und Preisende sein. Alles was über die notwendigen persönlichen Daten und Angaben hinausgeht, stammt aus biblischen und frühnachbiblischen Vorlagen. Auch waren die Inschriften nicht immer hebräisch abgefaßt, sondern griechisch oder lateinisch.
Erst seit dem 8./9. Jahrhundert setzte sich das Hebräische wieder durch und blieb für gut 1000 Jahre in ganz Europa vorherrschend. Von der Mitte des 19. Jahrhunderts an verlor es in Deutschland rasch an Boden.

Der hebräische Text der Grabsteine weist ein relativ einheitliches Grundschema auf. Die Inschrift beginnt meist mit der Abkürzung "pej nunpej tetdies" ist ein Mal zu Häupten Zeuge sei dieser Steinhaufen, ein Zeuge sei dieses SteinmalGeliebt und gut in ihrem Leben, sind sie im Tode nicht getrennt

Nach der Einleitung folgt die Eulogie, ein Lob- und Segensspruch, in den allermeisten Fällen ohne konkrete Daten aus dem Leben der Einzelnen. Das Lob bezieht sich auf den sozialen und religiösen Bereich. Äußere Erfolge treten dann in Erscheinung, wenn sie Auswirkungen auf die Toragelehrsamkeit, Wohltätigkeit und Gastfreundschaft haben.

Wurde der Name nicht gleich zu Beginn genannt, so folgt er jetzt: Name, Vatersname, bei verheirateten Frauen dazu der Name des Ehemannes, möglicherweise ergänzt durch den bürgerlichen Namen in hebräischer Schreibweise.
Daran schließt sich das Todes- und Begräbnisdatum an. Die Inschrift endet mit dem Segensspruch:
"Ihre/seine Seele sei eingebunden in den Bund des LebensUnd wenn sich ein Mensch erheben wird, dich zu verfolgen und dir nach dem Leben zu trachten, so soll das Leben meines Herrn eingebunden sein im Bündlein der Lebendigen bei dem Herrn, deinem Gott, aber das Leben deiner Feinde soll er fortschleudern mit der Schleuder.",
wiedergegeben durch die Anfangsbuchstaben der fünf hebräischen Wörter (T.N.Z.B.H.=Tehi Nafscho Zeruah Bizior Hachaijm). Das Grundschema kann vielfältig variiert oder ergänzt werden. Vor allem kann es verschieden mit Text gefüllt werden: beschränkt auf die gängigen Formeln oder neu zusammengesetzt aus biblischen Zitaten und nachbiblischen Anspielungen aus der Tradition.

Die Grabinschriften aus dem Mittelalter und der Renaissance enthalten in der Regel folgende Angaben: Den Namen des Verstorbenen und gewöhnlich auch den seines Vaters, eventuell auch seine Zugehörigkeit zum Priestergeschlecht der Kohanim (Kohen pl. Kohanim) oder zum Levitenstamme (Levi pl. Leviim).

Das gilt nicht für Frauen, bei denen die Zugehörigkeit zu einem Stamm oder Geschlecht nicht verzeichnet wurde. Ferner findet man bei Männern den Titel des Verstorbenen und gegebenenfalls auch seines Vaters, z.B. Rabbi, der Gelehrte, der Vornehme usw.

Im weiteren Text finden sich lobende Epitheta und bei hervorragenden Persönlichkeiten Aufzählungen der Ämter, die sie bekleideten und ihre Verdienste um die Gemeinde. Bei Gelehrten und bekannten Rabbinern werden ihre Schriften angeführt. Den Abschluß des Epitaphs bilden im allgemeinen Segnungen und Wünsche, die sich auf das Leben nach dem Tod beziehen.

Ein wichtiger Bestandteil jeder Inschrift ist das Datum, das sich bei den älteren Texten am Ende befindet. Von der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts an wird zuweilen das Datum an erster Stelle angeführt, was später, vom 17. Jahrhundert an, zur Regel wird. Diese Angaben bilden allerdings nur die Grundlage des Textes, der sich erweitert und mit Vergleichen und Bildern bereichert wird, so daß man die Grabinschriften als eine eigene Gattung der hebräischen Poesie betrachten darf.
Das Datum besteht aus der Jahreszahl, dem Namen des Monats, der Angabe des Tages im Monat und öfters auch der Angabe des Wochentages. Für die Wochentage hat das Hebräische keine eigenen Namen. Sie werden mit Ordnungszahlen benannt. Der Sonntag ist der Erste Tag, "Jom Rishon" der Samstag der siebente Tag, der "Schabbat Ein vollständig angeführtes Datum lautet zum Beispiel: den vierten Tag der Woche (Mittwoch), den 2. Nissan des Jahres 303 (nach der kleinen Zählung).

Charakteristisch für die Grabinschriften sind die Segenssprüche für das Fortleben der Seele nach dem Tode. Am häufigsten begegnen wir der Formel: "Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens" Diese Abkürzung findet sich vielfach auch dann auf den Grabsteinen, wenn der Text nicht auf hebräisch geschrieben ist.
Nur selten werden sie voll ausgeschrieben. Gelegentlich finden sich auch andere Formulierungen: "Mit allen Seelen der Reinen sei seine Seele eingebunden im Bunde des Lebens bei dem Herrn, dem Gott des Himmels" "Seiner Seele sei gedacht in der kommenden Welt Seine Seele erwerbe(?) sich das Leben in Ewigkeit"_ Aus all diesen Segenssprüchen spricht der feste Glaube an die Fortdauer des Lebens nach dem Tode. Ältere Inschriften auf den Gräbern von Märtyrern hingegen rufen oft nach Rache. "Der Herr räche sein Blut! Der Herr der Vergeltung räche es an ihnen!"

Ausdrücke wie "Tod Sterben er ging fort er begab sich fort" Es finden sich auch Formulierungen wie "er ward hingenommen ... und er ward eingesammelt zu seinem Volk" Häufig wird der Tod aufgefaßt, als sei die Seele irgendwohin fortgegangen: "Seine Seele ging von dannen in Heiligkeit und Reinheit" Poetischer ausgedrückt: "Ihre Seelen stiegen empor in die Wohnsitze der Höhen". "Seine Seele kehrte zurück zum Herrn".

Den größten Raum auf den alten Inschriften nimmt die Lobpreisung der guten Eigenschaften und Werke des Verstorbenen ein. Unterschiedlich sind jedoch die Eigenschaften, die man bei Frauen und Männern hochschätze. Bei den Männern hob man Treue, Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit hervor - vor allem im Handel - wie auch Bescheidenheit und Zuverlässigkeit. Neben den Charaktereigenschaften wurden auch Vorzüge des Intellekts gerühmt: Weisheit, Einsicht, Bedachtsamkeit, Klugheit und Beredsamkeit.
In vielen Redewendungen spiegelt sich auch das Verhältnis des Verstorbenen zu seinen Nächsten wider ("Er war ein Mann des Friedens". Das Äußere wird nur ganz selten erwähnt."

Die Inschriften der Frauen loben vor allem die guten Eigenschaften der Verstorbenen. Sie wird als "züchtig" "würdig" "rechtschaffen" "rein" "zuverlässig hold Die Liebliche Die Schöne" Seltener wertet man die geistigen Fähigkeiten. Im Verhältnis zu den Mitmenschen wird in erster Linie Ehrlichkeit und Redlichkeit gepriesen. "

Im religiösen Bereich sprechen die Inschriften der Frauen wie der Männer von Frömmigkeit, Gottesfurcht, Innigkeit der Gebete und dem häufigen Besuch der Synagoge.
Quelle: Quelle: http://www.pomoerium.de/archiv/varia/ridder1.htm
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