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19.08.2017
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Lexikon

5. Die äußere Gestaltung des Friedhofs
erfasst von Redaktion 

Dem Betrachter bietet sich auf den älteren, vor der Mitte des 19. Jahrhunderts entstandenen Friedhöfen das unverkennbare Bild unregelmäßig-regelmäßiger Reihen von sich zu allen Seiten hinneigenden Grabsteinen.
Da die älteren keine Sockel haben, versinken sie allmählich in der Erde. Ihre Formen leiten sich meist von nur wenigen Grundmustern ab, wobei die Steine immer höher als breit sind.

Auf den christlichen resp. nichtjüdischen Besucher wirken jüdische Friedhöfe, sofern sie noch in Gebrauch sind, oft sehr ungepflegt.
Da der Friedhof die Vergänglichkeit des Menschen symbolisieren soll, läßt man der Natur freien Lauf. Die vielen aufgegebenen Friedhöfe werden heute meist von den kommunalen Verwaltungen gepflegt. Sie sind der Einfachheit wegen mit Rasen eingesät.
Die jüdische Vorstellung weicht von der hierzulande üblichen Vorstellung über Grabpflege ab. So wird man selten Blumenschmuck finden.
Das einzelne Grab und der Friedhof wird vielmehr als Teil der Landschaft, allerdings als durchaus gepflegter Teil empfunden.
Zur Abwehr möglicher Störungen der Totenruhe muß der Friedhof umschlossen, das Tor abschließbar sein.
Die Schließung des Friedhofs am Schabbat und an Feiertagen ist religiöses Gebot, da diese Tage der Freude und nicht der Trauer verpflichtet sind.

Der Friedhof muß, damit er eine würdige Stätte der Toten darstellt, in seiner Gesamtheit gepflegt werden. Mauern oder Zäune, Tore, Wege und Einfassungen müssen unterhalten, Hecken und Bäume können gestutzt werden.
Als religiöse Grundvorstellung ist beachtenswert, daß es den Lebenden untersagt ist, einen irgendwie gearteten Nutzen aus dem Grabbereich bzw. dem gesamten Friedhof zu gewinnen. Daher dürfen auf einem Friedhof gefällte Bäume nicht kommerziell verwendet werden; es werden lediglich abgestorbene Bäume entfernt.

Eine weitere biblische Vorschrift ist, daß der Gerechte nicht neben dem Sünder begraben werden darf ("Und man gab ihm sein Grab bei Gottlosen und bei Übeltätern, als er gestorben war, wiewohl er niemand Unrecht getan hat und kein Betrug in seinem Munde gewesen ist" Jesaja 53,9.
"Die holten ihn aus Ägypten und brachten ihn zum König Jojakim. Der ließ ihn mit dem Schwert töten und ließ seinen Leichnam unter dem niederen Volk begraben" Jeremia 26,23). Man findet daher auf einigen Friedhöfen Ehrenreihen für bedeutende Persönlichkeiten eingerichtet, so z.B. auf dem Friedhof Berlin-Weißensee. Auch schon der altehrwürdige Friedhof in Worms hat eine eigene Rabbinerabteilung.
Andererseits w"rden Kriminelle und Selbstmörder oft an der Mauer beigesetzt, wo sie keinen stören konnten.
Diese Praxis ist übrigens auch von den christlichen Friedhöfen bekannt. Bei Selbstmördern entscheiden heute viele Rabbiner erleichternd, indem sie den Suizid als Folge einer unverschuldeten psychischen Erkrankung ansehen. Der Tote und die Angehörigen sollten für diese Erkrankung nicht bestraft werden.

Nach uralten Vorstellungen, die schon vorbiblisch sein müssen, verunreinigen sich die Lebenden bei der Berührung von und im Umgang mit Toten.
Vor allem für die Priester, die Kohanim, und deren Angehörige gelten hier besonders strenge Reinigungsvorschriften. Sie dürfen keinen Leichnam berühren und sich nur mit den Toten aus der engsten Verwandtschaft befassen. Daher werden Priester oft am Eingang begraben, um den Angehörigen die Möglichkeit zu geben, das Grab zu besuchen, ohne mit den anderen Gräbern in Berührung zu kommen.

Die Toten werden in Reihen begraben. Es gibt aber keine überall gültige Tradition, in welcher Richtung der Tote zu begraben ist. Fast jeder Friedhof hatte ein eigenes kleines Gebäude für die Waschung der Toten.
Das Bedürfnis, Verwandte und Verheiratete zusammenzubetten ist nicht neu. Es besteht länger als der seit der frühen Neuzeit bekannte Brauch, die Toten weniger nach der zeitlichen Abfolge der Todesdaten, sondern eher gemäß ihrer eigenen familiären Zusammengehörigkeit zu beerdigen. Doch lassen sich hier kaum feste Regeln allerorten finden.

Auch das Verhältnis der Juden zur bildenden Kunst wird auf den Friedhöfen deutlich. Vom Mittelalter bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts haben sich die Merkmale der Grabsteingestaltung nur geringfügig verändert.
Die zu Beginn des Jahrhunderts einsetzenden politischen Zeitströmungen - Emanzipation und Assimilation - wandelten auch das Selbstverständnis des Judentums und führten aus der jahrhunderte langen Isolation heraus.
Die alte jüdische Friedhofskunst wurde vor allem in städtisch geprägten Gemeinden durch Tendenzen aus dem Bereich der bildenden Kunst und durch das Selbstdarstellungsbedürfnis der bürgerlichen Schichten nahezu völlig verdrängt. Im 19. Jahrhundert will man, und das gilt gleichermaßen für die christliche Gesellschaft, die Erfolge seines Lebens auch nach dem Tode zur Schau stellen. Wenn es nicht mehr auf ein ewiges Leben ankommt, bedarf es des Grabsteins zur Fixierung des vergangenen Lebens.
Nach einem übertriebenen Repräsentationsbedürfnis kehrt nach einigen Jahrzehnten wieder Ruhe und Ausgeglichenheit in die formale Gestaltung ein.

Die lange als Grabstein vorherrschend gewesene sogenannte sumerische Stele, ein aufrecht stehender, rechteckig behauender Stein mit halbkreisförmigem oberen Abschluß, geriet besonders dort, wo sich liberal-religiöse Auffassungen entwickeln konnten, zunehmend in Vergessenheit.
An ihre Stelle traten Grabdenkmäler, die durch die nichtjüdische bürgerliche Umwelt geprägt, ganz in Einklang standen mit dem jeweiligen Zeitgeschmack.

Auch bei den für die Herstellung von Grabmälern üblichen Materialien ergaben sich Veränderungen. Hatte man bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts ausschließlich Sandsteine verschiedener Qualitäten verwendet, wurden ab dieser Zeit auch andere Steine verarbeitet, darunter hauptsächlich polierter Granit zur Herstellung von Obelisken und Säulen sowie Marmor, häufig als kleine beschriftete Tafeln in die Grabsteine eingelassen; aber auch sogenannte Kunststeine, z.B. Beton und Zementguß, fanden Verwendung.

Während die bildliche Darstellung des Toten auf seinem Grabe eine lange Tradition in der europäischen Bestattungskultur hat, gilt für die Grabmäler der Juden das im Dekalog ausgesprochene Verbot, die menschliche Gestalt abzubilden. Die christlichen Denkmäler im 19. und frühen 20. Jahrhundert sind in vielfältiger Weise mit einem zum Teil recht aufwendigen Skulpturenschmuck ausgestattet:
Da gibt es Allegorien, Portraits des Verstorbenen, Christusfiguren und Scharen von Engeln und Heiligen. Im Zuge der Assimilierung wird sich auch auf jüdischen Friedhöfen vereinzelt über dieses Verbot hinweggesetzt, allerdings nur in verschwindend geringer Zahl. Neben den Abbildungen der Verstorbenen finden sich hier und da Reliefs mit Motiven der Antike (Abschiedsmotive), aber auch figürliche Skulturen. Eine interessante Besonderheit weist der Friedhof Berlin-Weissensee auf.
An einzelnen Gräbern finden sich plastische, emaillierte oder fotographische Bildnisse des Verstorbenen.
Als Konzession an das traditionelle Bildverbot waren die meisten Portraits mit einem Deckel verschlossen, dessen Scharniere noch erkennbar sind. Wahrscheinlich wurde der Verschluß nur vorübergehend bei den Grabbesuchen von Verwandten und Freunden geöffnet.

Ein spezifisch jüdischer Brauch, der sich bis heute auf allen jüdischen Friedhöfen beobachten läßt, ist die Ehrung des Toten durch ein vom Besucher auf den Grabstein abgelegtes Steinchen. Noch immer fehlt eine belegbare Herleitung dieser Gewohnheit, die jedenfalls nicht in den über 600 Geboten und Verhaltensregeln der jüdischen Überlieferung enthalten ist und auch nicht in der Bibel angesprochen wird.
Zur Erklärung wird einmal auf die Bestattungspraktiken von Wüstenvölkern verwiesen, die Steine auf die Gräber legten, um sie so vor dem Zugriff von wilden Tieren, Geiern oder Schakalen zu schützen. Jeder, der an einem solchen Grab entlang kam, legte einige Steine zum Schutz hinzu. Vielleicht handelt es sich auch um einen Brauch, der sich aus der jüdischen Tradition einer möglichst schlichten Bestattung ableitet.
Eine weitere Erklärung ist, daß die einfachen jüdischen Gräber in biblischer Zeit aus einzelnen aufeinandergeschichteten Steinen bestanden, bei deren Zusammenstellung Freunde und Verwandte des Verstorbenen mithalfen.
Quelle: Quelle: http://www.pomoerium.de/archiv/varia/ridder1.htm
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