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12.12.2017
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Lexikon

Friedhofskultur am Straßenrand
erfasst von Redaktion 

Gedenkzeichen für Unfallopfer

Reiner Sörries, Kassel

Meist erhascht man beim schnellen Fahren nur einen flüchtigen Eindruck: Man sieht einen blühenden, vielleicht auch schon welkenden Strauß, dahinter ein kleines, oftmals schlichtes, bisweilen aber auch schon dauerhaftes Kreuz. Die Verkehrsverhältnisse lassen es meist nicht zu, - und sei es nur aus Neugierde - anzuhalten und zu schauen. Vielleicht wollen wir aber die Unfallopfer auch gar nicht näher kennenlernen, wollen das Kreuz nicht aus der Nähe betrachten, denn schließlich könnte unser Name darauf stehen. Hier haben Menschen ihr Leben gelassen, sind einem schnellen, einsamen Tod begegnet.
Auf den "Marterln der Neuzeit" stehen Namen, meist auch eine Jahreszahl, und von Italien kommend breitet sich auch bei uns wieder die Sitte aus, ein kleines Porzellanfoto darauf anzubringen. Seit dem Aufkommen der Fotografie dominiert im Totengedenken das Foto als authentische Erinnerung an den Toten.
Erinnernd und mahnend dokumentieren die ‚kleinen Gräber' neben den Straßen unseren Tribut, den wir dem modernen Straßenverkehr Jahr für Jahr zollen. Die steigende Zahl solcher Gedenkstätten am Straßenrand ist Anlaß, sich mit ihnen etwas näher zu beschäftigen.

In der neueren volkskundlichen Literatur ist das Phänomen längst erkannt, und erst jüngst hat sich Walter Hartlinger (in: Religion und Brauch, Darmstadt 1992, S. 85 und 185ff) mit den „Gedenkzeichen am Ort von tödlichen Verkehrsunfällen" befaßt. Er schreibt sie dem „latenten Verlangen nach einem sichtbaren Totengedächtnis" zu, und das sollte auch für uns aus friedhofskultureller Sicht hoch bedeutsam sein. Belegt diese Sitte doch nachhaltig den Wunsch, ein sichtbares und bleibendes Gedenkzeichen zu errichten, was ganz offensichtlich im Widerspruch zu der viel zitierten Tendenz zu einer anonymen Bestattung steht, die ganz bewußt auf Bleibendes und Sichtbares verzichtet.
Zweifellos vollzieht sich dieses neu belebte Brauchtum, das an die Marterln, Steinsäulen, Wegekreuze und Kreuzsteine anknüpft, vor den Augen der Öffentlichkeit und wird doch vom allgemeinen Bewußtsein, auch von Friedhofsexperten, noch kaum registriert.

Schlichte Holzkreuze und Blumen

Hier entwickelt sich ein neuer Gedenkbrauch, der nur in einem sehr allgemeinen Sinn an die genannten Vorbilder früherer Zeiten anknüpft. Denn die Gründe für ihre Errichtung waren seit jeher religiöser Natur. Dort, wo ein Marterl gesetzt wurde, hatte meist ein Unfall oder Verbrechen zu jenem jähen Tod geführt, den man so sehr fürchtete.
Ohne Sterbesakramente und die damit verbundene Buße und Absolution den Tod zu finden, war gleichbedeutend mit einer ungleich höheren Qual im Fegefeuer für die nicht vergebenen Sünden. So mahnten die Marterln den Vorübergehenden zu einem stillen Gebet für die arme Seele. Religiöse Beweggründe sind heute eher zweitrangig geworden, um so mehr verwundert der Rückgriff auf das traditionelle Kreuz, oder es stimmt die Vermutung, daß man bei der Errichtung solcher Gedenkorte am Straßenrand unbesehen Formen entwickelt, die aus dem Friedhof entlehnt sind und ihnen den Charakter eines Grabes verleihen. Besonders bemerkenswert ist dabei die Beobachtung, daß die Gedenkstätten teils mit künstlichen, teils mit natürlichen Blumen geschmückt sind und daß sogar regelrechte Anpflanzungen beobachtet werden können.

Als Gedenkzeichen dienen meist schlichte Holzkreuze, in der Regel mit namentlicher Kennzeichnung und bisweilen mit einem kleinen Foto. Dauerhafte Grabzeichen aus Stein und Metall sind zumindest hierzulande noch selten. An die Vorbilder der Soldatengräber aus den beiden Weltkriegen erinnern die Holzkreuze aus weißen Birkenstämmen. In vielen Fällen wird besonders der Kinder und jugendlichen Straßenopfer gedacht, und hier wird meist nur der Vorname des Verstorbenen genannt.
Diese Erscheinung ist ebenfalls dem normalen Friedhofsbrauch entlehnt. Teils begnügt man sich mit der Nennung des Namens, die im Kontext eigentlich ausreicht, um auch die Umstände des Todes auszudrücken. Teils wird ausdrücklich der Unfalltod und das damit verbundene „unschuldige Sterben" herausgestellt. In vielen Fällen zeugt die dauerhafte Pflege solcher Gedenkstätten vom Schmerz, der nicht versiegt.

Zwei Gedenkorte: Straße und Grab

Am Straßenrand entstehen kleine Gräber, und würden, um noch einmal Hartinger zu zitieren, „... all die mehr als zehntausend jährlichen Verkehrstoten in den alten Bundesländern eine solche Gedenkstätte erhalten, unsere Straßen wären in wenigen Jahren verwandelt zu unübersehbaren Friedhöfen". Paul und Richilde Werner (Vom Marterl bis zum Gipfelkreuz. Flurdenkmale in Oberbayern, Berchtesgaden 1991) führen die neuen Gedenkstätten am Straßenrand als Beleg dafür an, daß der Marterlbrauch keineswegs ein absterbender Zweig des alten Volksbrauches ist.
Sie sehen seine Wiederbelebung in einem tief verwurzelten menschlichen Bedürfnis, der Verstorbenen sichtbar zu gedenken und ihrem Andenken ein öffentliches Zeichen zu setzen. Die mit dem Unfalltod verbundene Tragik des Sterbens und die den Schmerz vertiefende Nähe zum (oftmals jugendlichen) Opfer sind zweifellos eine wichtige Voraussetzung zur Setzung besonderer Gedenkzeichen. Regelmäßig resultieren daraus zwei Gedenkorte, denn neben dem Gedenkort am Straßenrand gibt es ja auch das Grab auf dem Friedhof. Häufig ist aber der Ort des Todes der wichtigere Gedenkort.
Man müßte einmal darüber nachdenken, warum der Friedhof die Bedürfnisse des Totengedenkens nicht erfüllen kann.
Sehr unterschiedlich ist die Dauer solcher Gedenkstätten, für die es kein Nutzungsrecht analog den Grabstätten auf dem Friedhof gibt. Sie werden meist spontan errichtet, und aus Sicherheitsgründen stehen ihnen die Verkehrsbehörden skeptisch gegenüber: „Rechtlich gesehen können wir ihre Beseitigung anordnen. Wir dulden sie nur aus Pietätsgründen. Wenn die Sitte überhand nimmt, wird man sie eines Tages verbieten müssen." (Zitat eines Sprechers der Verkehrsbehörden nach den Nürnberger Nachrichten vom 22.12.1993.)
Wo sie jedoch über längere Zeit Bestand haben, sind sie ein sichtbares Zeichen für den Verlauf der Trauer. Wohl bleiben sie in vielen Fällen über Jahre oder gar Jahrzehnte stehen, doch nimmt im Lauf der Zeit der Blumenschmuck ab, ganz zu schweigen von jenen Gedenkstätten, die sich weit entfernt vom Wohnsitz der Angehörigen befinden.
Bis jetzt ist noch kein Fall eines solchen Straßengrabes bekannt geworden, für das eine Pflege in Auftrag gegeben worden wäre. Eine Sozialkontrolle für das Grab am Straßenrand gibt es verständlicherweise demzufolge nicht. Diese Gedenkstätten sind Gräber, die mit der Trauer vergehen.

Straßenkreuze als Ausdruck tiefer Betroffenheit

Um so bemerkenswerter ist die Tatsache, daß sie – anders als mancher Grabstein auf den Friedhöfen – nie aus sozialem Prestige heraus errichtet werden. Sie sind immer Ausdruck tiefer Betroffenheit und Trauer und deshalb in ihrer Gestaltung als ehrlicher einzustufen als die Friedhofsgräber. Hier gestaltet weder der Steinmetz noch der Friedhofsgärtner, sondern nur die Seele.
Insofern lassen sich diese Gräber nicht nach gestalterischen Kriterien beurteilen, aber sie könnten doch als Ausdruck von echter Trauer beispielgebend wirken. Und selbst wenn hier für die Grabzeichen dauerhafte Materialien verwendet werden, so überzeugen sie fast immer durch eine "monumentale" Bescheidenheit.
In nicht wenigen Fällen wird die eigentliche Trauerarbeit sogar vor den Marterln an der Straße und nicht auf dem Friedhof geleistet. Dies ist ein wesentliches Indiz dafür, wie wichtig der konkrete Ort als Bezugspunkt für die Trauer ist. Als Beispiel sei dafür der Gedenkort am Rande einer süddeutschen Großstadt genannt, an der Stelle, wo ein zehnjähriger Junge mit Kosenamen „Boy" von einem Lastwagen überfahren wurde. Noch drei Jahre nach seinem Tod befindet sich an der Unfallstelle ein „kleines Grab".
Die Gedenkstätte mit Holzkreuz, Blumen, Kränzen und Kerzen ist nicht anders zu bezeichnen, nur daß sich in der Nachbarschaft kein weiteres Grab, sondern eine nüchterne Leitplanke befindet. Auf dem Holzkreuz steht nur „Boy".

Im Vergleich zum eigentlichen Grab auf dem Friedhof mit „richtigem" Grabstein und vollem Namenszug ist der Ort an der Straße intimer und persönlicher und gleichzeitig doch öffentlicher und lauter. An dieser Stelle fahren jeden Tag Tausende von Autofahrern und auch der Vater des Kindes vorbei.
Mehr als unsere Grabstätten auf den Friedhöfen entwickelt sich der Straßenrand zu einem Ort persönlicher Betroffenheit und stillen Gedenkens. Es bleibt die Frage, ob unsere Friedhöfe dabei gar ins Hintertreffen geraten. Zumindest lassen die kleinen Gräber neben der Straße bei sorgfältiger Beobachtung erkennen, mit welchen Gefühlen, Hoffnungen und Erwartungen die Hinterbliebenen an ein Grab herantreten.
Es kommt dabei nicht auf einen besonderen Meditationsraum an. Es kann der häßlichste Ort der Welt zu einer Stätte der Erinnerung werden, die man in aller Liebe und Sehnsucht nach eigenen Vorstellungen gestaltet. Nur der konkrete Ort ist wichtig.
Friedhofsplaner, die immer den Friedhof als ganzheitliches Ensemble im Blick haben, sollten diesen Bedürfnissen mehr Beachtung schenken und ihnen auch planerisch mehr individuelle Nischen einräumen. Zweifellos müssen Trauerverhalten und Ort der Trauer noch mehr „zusammengedacht" werden, als dies bislang der Fall war.

Freilich wäre es vorschnell, aus dieser friedhofskulturellen Randsituation allzu radikale Schlüsse zu ziehen. Aber das Nachlassen des Interesses am Friedhof einerseits und das Aufblühen einer sepulkralen Subkultur am Straßenrand andererseits sollte doch zu der Frage berechtigen, ob unsere Friedhöfe gegenwärtig den Planern und Ökonomen oder den Trauernden gerecht werden.
Eine aufmerksame Beobachtung der Trauerkultur, die sich eben auch in Randbereichen bisweilen sehr deutlich zu erkennen gibt, kann uns vielleicht an manchen Punkten weiterhelfen. So könnte sich manch ordnungsliebendes Auge vom liebevollen Chaos der kleinen Gräber sogar überzeugen lassen. Beispielhaft zeigt dies die Gedenkstätte des kleinen „Boy", die an "Durcheinander" kaum zu übertreffen und doch gleichzeitig durch die vielen Besuche akkumulativ gestaltet ist.
Sie scheint auch flächenmäßig noch im Wachsen begriffen zu sein. Deshalb lebt sie, während das Grab auf dem Vorortfriedhof steril und unlebendig erscheint.
Friedhofskultur am Straßenrand wurde von niemandem verordnet. Sie knüpft zwar an Traditionen an, doch entfaltet sie sich unabhängig von den religiösen Wurzeln dieser Tradition und markiert deshalb in überzeugender Weise die Entstehung neuen Brauchtums.
Daß sie vielfach mit dem Ordnungssinn der Verkehrsbehörden zu kämpfen hat, ist eigentlich ein bedauerliches Kapitel. Ich glaube nicht, daß die befürchtete Verkehrsgefährdung ein ausreichender Grund ist, diese Zeichen der Mahnung im öffentlichen Raum zu verhindern.
Quelle: © Copyright Reiner Sörries, erstmals veröffentlicht in: Deutsche Friedhofskultur (DFK) 85.
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