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19.10.2017
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Lexikon

Zwei neue Meilensteine
erfasst von Redaktion 

Neue Ergebnisse zur spätrömischen Verkehrs- und Kaisergeschichte in Südbayern
Dr. M. Pietsch

Die Entdeckung und Bearbeitung neuer römischer Meilensteine stellt für provinzialrömische Archäologen an sich schon etwas besonderes dar. Das gilt insbesondere für diese beiden Exemplare, als sie sich, jeder für sich als Leckerbissen erwiesen haben.

Beide wurden südlich von Mittenwald in der Isartalniederung unweit der römischen Fernstraße gefunden, die von Augsburg kommend hier das obere Isartal nutzt und über den Brenner nach Italien weiterzieht. Die Entdeckung und Bergung ist der Vorliebe eines Mittenwalder Gemeindearbeiters für schöne Steine zu verdanken.

Den einen Meilenstein barg er in einer Kiesgrube, der andere störte immer schon beim jährlichen Mähen der Talwiesen. Zuletzt war er als Blumenrabatte in dessen Garten eingegraben. Es war ein besonderes Erlebnis, diese Steine vor der Kulisse der schneebedeckten Berge aufnehmen zu können, wohl wissend, daß die römischen Wagenlenker und Fußreisenden vor etwa 1700 Jahren die schneebedeckten Berge wohl unter einem anderen Licht sahen.

Der zuerst gemeldete Stein aus weißlichem Marmor entspricht ganz dem Typus einer römischen Meilensäule, nur ist sein oberer Teil mit den ersten 5 Zeilen alt abgebrochen und nicht erhalten. Er ist jetzt noch 1,61 m hoch und mißt im Durchmesser etwa 1/2 m.
Schauen wir uns die Inschrift an, müssen wir allerdings feststellen, daß die Beschriftung wenig sorgfältig erfolgte. Die seichten und unterschiedlich geformten Buchstaben halten die Zeilen nicht und fallen leicht nach rechts ab.
Zu lesen ist: SVLI, das ist der Rest für Consuli III, Pater patriae, proconsuli, bono rei publicae nato, milia passuum, und dann folgt die Zahl 85.

Wir haben hier den Schluß einer Kaisertitulatur vor uns, wie sie auf römischen Meilensteinen selten vorkommt. Zu übersetzen ist: Konsul zum 3. bzw. 4 Mal, Vater des Vaterlandes, Proconsul, geboren zum Wohl des Staates, 85 Meilen, zu ergänzen ist von Augsburg.

Obwohl die Angabe des Kaisers in den ersten Zeilen weggebrochen ist, machen die Ergänzung des Textes und die Bestimmung kaum Schwierigkeiten. Schon die recht schlechte Beschriftung und die Wendung "geboren zum Wohl des Staates" weisen auf die späte römische Kaiserzeit hin.
Diese Vorstellung des Kaisers als "zum Wohl des Staates geboren" taucht auf Inschriften zwar schon unter Konstantin dem Großen, also um 300 n.Chr. auf, unser Stein stammt aber sicher aus späterer Zeit. Denn der ganze eigenwillige Schriftduktus und darüber hinaus ein grammatikalischer Fehler, nämlich Pater anstatt Patri, findet sich auch auf einem Meilenstein wieder, der an der selben Straße weiter südlich in der Umgebung von Innsbruck gefunden wurden. Und auf diesen Meilensteinen wird der Kaiser Julianus genannt, der von 361-363 n.Chr. also nur zwei Jahre regierte. Ohne die bei römischen Inschriften übliche Uniformität wäre die Datierung hier nicht gelungen.

Was bedeutet nur die Neuaufstellung mehrerer Meilensteine in der Spätzeit, in der das römische Reich im Norden unter den Germaneneinfällen schon fast zusammenbricht. Hat der Kaiser Julian in seiner kurzen Regierungszeit wirklich Straßen bauen lassen ?

Julian, der christlich erzogene Neffe Konstantins wandte sich als Erwachsener heimlich einem am Neuplatonismus orientierten Heidentum zu, das er nach Eringung der Alleinherrschaft reichsweit durchzusetzen versuchte. Aus seiner kurzen Regierungszeit ist eine ungewöhnlich hohe Zahl von rund 175 Inschriften bekannt.
Über die Hälfte dieser Inschriften finden sich auf Meilensteinen, die alle recht flüchtig und teilweise in sehr eigenwilliger Weise ausgeführt sind. Wirkliche Bauarbeiten signalisieren sie daher nicht mehr. Es handelt sich vielmehr um die propagandistische Flankierung der kaiserlichen Politik.

Immer schon waren Meilensteine nicht nur Entfernugnsanzeiger, die in bestimmten Abständen aufgestellt, dem Reisenden die Orientierung erleichtern sollten. Auf allen Meilensteinen erscheint daher der römische Kaiser als oberster Bauherr mit seiner gesamten Titulatur, und erst unten erscheint die Meilenangabe, die meist vom nächst wichtigen zentralen Ort her rechnet.
Im südlichen Oberbayern ist das durchweg die Provinzhauptstadt Augsburg. Häufig werden wirklich kaiserliche Baumaßnahmen angezeigt,
wenn z.B. vias et pontes restituit erscheint, d.h. Straßen und Brücken wurden wieder hergestellt. Oder wenn sich Meilensteine des Kaisers Septimius Severus an der Ost-West Straße durch Südbayern aufreihen, dann steckt dahinter ein Bauprogramm des Kaisers, der für seine westöstlich gerichteten Truppenverschiebungen gute Straßen brauchte. Wenn mehrere Kaiser an einem Straßenstück bauten oder reparierten, oder Loyalitätsbekundungen von den Provinzen erwarteten, konnte es an wichtigen Straßen, Kreuzungspunkten und Pässen zu ganzen Ansammlungen von Meilensteinen kommen.
Dieses Bild ist in einem relativ unzugänglichen Nationalpark im Norden Portugals aufgenommen.

Die jeweils nur kurz regierenden Kaiser der Spätantike hatten dagegen niemals die Zeit für umfangreiche Straßenbaumaßnahmen. Ihr Bedürfnis lag, ständig bedroht durch innere und äußere Feinde, in einer propagandistischen Politik zur Erlangung einer reichsweiten Loyalität.

Die Bedeutung dieses Meilensteins liegt sicher darin, daß es sich um den spätesten und letzten Meilenstein nördlich der Alpen handelt.

Der zweite römische Meilenstein entspricht gar nicht dem Bild einer mannshohen, runden und glatten Meilensäule. Es handelt sich um eine flache, etwas verworfene Steinplatte aus Glimmerschiefer, dessen Oberfläche vor dem Einmeißeln der Inschrift nicht geglättet wurde. Die zerklüftete Oberfläche und darüber hinaus Sinterauflagen erschwerten eine Lesung außerordentlich. Dafür fehlt hier nur die erste von 11 Zeilen, die nach zwei gleichartigen Inschriften im Landesmuseum Ferdinandeum in Innsbruck leicht ergänzt werden kann.
Alle drei Steine verwenden Glimmerschiefer, auffallende paläographische Übereinstimmungen in den zur Kursive neigenden Buchstabenformen und die Ligaturen könnten die Annahme nahelegen, daß die Steine in einer Werkstatt hergestellt und anschließend an ihre Aufstellungsorte transportiert wurden.

Wie auf einer Weihinschrift wird der Kaiser im Dativ angesprochen. Logischerweise fehlt daher am Schluß jedwede Bauformel. Es handelt sich hier wie bei dem Julianusstein um eine bloße Propagandainschrift. Genannt wird der Kaiser C. Messius Quintus Decius Traianus mit seinen Titeln Imperator Caesar und in der dritten Zeile pius Felix, invictus Augustus, pontifex maximus, tribunitia potestate II, pater patriae, d.h. der fromme, glückliche und unbesiegte Augustus, der oberste Priester, mit der Herrschaft des Volkstribunen zum zweitenmal und Vater des Vaterlandes. Danach folgen seine zwei Söhne, die er zu Mitregenten gemacht hat, hier kurz als Messius Decius und Quintus bezeichnet.
Mit dem Titel nobilissimi Caesari werden sie in den Stand der Prinzen erhoben, mit Augusti werden sie in völlig ungewöhnlicher Weise in denselben Stand wie ihr Vater erhoben. Über dieses interessante Detail der Kaisergeschichte wird zum Schluß noch zu reden sein. Zum Schluß folgt die Meilenangabe ab milia passuum 84, von der auf dem Stein wegen schlechter Erhaltung nur 82 zu erkennen ist.

Wir haben hier also einen Meilenstein des Kaisers Decius vor uns, der ebenso wie Julianus nur zwei Jahre regierte, von 249-251 n.Chr. Die kurze Regentschaft dieses Kaisers ist vor allem deshalb besonders bemerkenswert, weil er genau wie etwa 100 Jahre später Julian, genannt Apostata aus Staatsraison und zur Förderung der Reichseinheit die Wiederherstellung der pax deorum förderte, indem er von jedem Bürger ein Bittopfer für Imperium und Imperator forderte, dessen Vollzug schriftlich durch eine Opferbescheinigung bestätigt wurde. Da viele Christen dem Opferzwang nicht nachkamen, löste Decius eine große Christenverfolgung aus.
Die Betroffenen konnten es als gerechte Strafe des Himmels betrachten, daß Decius schon Anfang Juni 251 im Kampf gegen die Goten fiel.

Kehren wir zu unserer Inschrift zurück. Das besondere und im wahrsten Sinne des Wortes umwerfende liegt in den beiden Buchstaben AB in der vorletzten Zeile. Auf diese Präposition ab, zu deutsch von, sollte der Ortsnamen folgen, von dem aus die Meilen zählen, also in unserem Falle Augsburg. Diese Ortsangabe fehlt hier, wie auch bei den beiden gleichartigen, schon im letzten Jahrhundert gefundenen Meilensteininschriften aus der Gegend von Innsbruck.

Es war der große Althistoriker des letzten Jahrhunderts, Theodor Mommsen, der 1873 diese Präposition nicht mit von übersetzte, sondern sie mit a(b) B(rigantio), also von Bregenz am Bodensee auflöste und damit Bregenz zum Ausgangspunkt einer von dort nach Innsbruck strebenden Reichsstraße machte. Diese Idee wurde von der Regionalforschung eifrig aufgegriffen, und spätestens seit Heubergers Forschungen von 1932 ist diese sogenannte Via Decia fester Bestandteil des römischen Reichsstraßennetzes. Weil das Gebiet zwischen Alpen und Donau zunehmend durch Germaneneinfälle gefährdet war, sollte sie eine sichere Verbindung zwischen Bregenz und dem oberen Inntal schaffen.
Die große Autorität des Urhebers - Mommsen setzte im Reichstag das umfangreiche Unternehmen der Reichslimeskommission durch - bescherte dieser Straße trotz dezidierter Zweifel ein langes Leben. Es konnte nicht ausbleiben, daß man diese Via Decia auch im Gelände aufzuspüren suchte. Diese Karte zeigt die für die Via Decia vorgeschlagenen Routen. Die südliche Streckenführung über den Arlberg und auch die nördliche über den Fernpaß und Kempten scheiden beide aus, weil ihre Entfernungen nicht mit den Meilenangaben auf den beiden Innsbrucker Steinen übereinstimmen. Auf der mittleren Variante durch das Gaistal, den Außerfern und das Allgäu konnte die Regionalforschung tatsächlich Trassenstücke ausfindig machen.
Gerald Grabherr hat kürzlich in einer Innsbrucker Magisterarbeit diese Trassenstücke jedoch alle als natürliche Bodenkanten oder Reste der Salzstraße des 16. Jahrh. verwerfen können. Auch dem Argument, die Salzstraße nehme die antike Route wieder auf, konnte durch die Feststellung entgegen getreten werden, daß sie z.T. erhebliche Hindernisse und Umwege in Kauf nimmt, um Orte zu erreichen, die mit Sicherheit erst nach der Römerzeit entstanden sind.

Gab es also schon von epigraphischer und archäologischer Seite her Vorbehalte gegen diese Straße, setzt unser Mittenwalder Meilenstein den letzten Schlußpunkt in der Diskussion um die Via Decia. Er stand mit Sicherheit nicht an einer der Straßen von Bregenz, sondern an der altbekannten Fernstraße von Augsburg über den Brenner nach Italien. Entfällt nun die Via Decia, erledigen sich selbstredend einige aus ihr gezogene historische Folgerungen.
So hat man z.B. dem römischen Ort Brigantium, Bregenz ein besonderes Stadtrecht zuteilen wollen.

Wie haben wir aber dann dieses merkwürdige AB, bzw. das Fehlen des Ortsnamen dahinter zu erklären? Eine richtige Idee hierzu hatte 1965 schon Wilhelm Schleiermacher: die Titel der Söhne des Decius beginnen mit nobilissimis Caesaribus und schließen mit der Formel Augg, das heißt Augustis. Aug mit einem G ist aber auch die Abkürzung für Augusta, d. h. Augsburg, das eigentlich nach dem AB folgen müßte.
Der Schreib- oder Verständnisfehler, das zweite Aug einfach wegzulassen, wirft kein gutes Licht auf die Formularkenntnisse des Steinmetzen oder gar schon des Beamten, der den Text dazu ausgab.

Es bleibt dem Althistoriker Prof. Dietz aus Würzburg vorbehalten, mit dem ich diese Inschrift zusammen veröffentliche, eine noch bessere Erklärung dafür zu finden. Nachweislich waren die beiden Söhne des Kaisers Decius im Jahr der Herausgabe der 3 gleichen Meilensteine erst Prinzen, d.h. Caesaren, noch nicht Augusti, d.h. dem Vater gleichgestellt. Diesen Titel erhielten sie erst ein Jahr später, nämlich 251 n.Chr.
Im Jahr 250 gehört an diese Stelle die Formel Aug also noch gar nicht hin, und der Fehler läßt sich wie folgt rekonstruieren: Der Beamte, der in der Prokuratur die Meilensteintexte ausgab, hat vielleicht aus Angst, bei den Titeln etwas falsch zu machen, das Aug für Augsburg nach vorne hinter Caesari verrückt. Damals wie heute war man in bestimmten Situationen dazu geneigt, lieber einen Titel mehr als zu wenig auf offizielle Schreiben zu setzen.

Zusammenfassend kann man also sagen: die Bedeutung dieses neuen Deciussteines liegt darin, erstens eine falsche Reichsstraße wieder von der römischen Landkarte zu löschen und zweitens die für die althistorische Forschung ganz wichtige Familiengeschichte des Kaisers Decius vor einem Fehler bewahrt zu haben.
Quelle: Vortrag anläßlich des 4. Mitarbeitertreffens der Archäologischen Denkmalpflege im südlichen Oberbayern in Ascheim am 15.11.1998
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