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23.04.2017
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Lexikon

Neue Schalensteinfunde im Pustertal
erfasst von Redaktion 

Astronomische Zeichen, "Kerzen" der Urbevölkerung oder Hirtenspielereien?
Von Reimo Lunz

Obwohl sich Volkskunde und Archäologie seit über hundert Jahren mit dem Problem der so genannten Schalensteine beschäftigen, ist die Deutung dieser merkwürdigen, in Stein gepickten und kreisförmig ausgeriebenen Gebilde bis heute umstritten. - In Südtirol hat der Kunstmaler und Heimatkundler Josef Tscholl 1933 erstmals auf das Phänomen der Schalensteine aufmerksam gemacht. Im Zusammenhang mit den bedeutsamen, von ihm entdeckten Schalensteine am Pfitscherjöchl im Spronsertal bei Meran gab Tscholl zu bedenken, dass es eine allgemeine Erklärung für die vielfältigen Erscheinungsformen der Schalensteine nicht gäbe; aus der örtlichen Überlieferung scheine aber hervorzugehen, dass die eingeriebenen Grübchen hauptsächlich als Lichtträger zu deuten seien:

"Vor alters, wenn die Hirten mit dem Almvieh aufzogen, brachten sie Bittopfer dar, und zwar in der Form, dass sie einige dieser Schalen mit flüssigem Unschlitt füllten, einen harbenen Docht einsetzten und diese Lucernen irgendeinem Viehpatron zu Ehren (statt Kerzen) entzündeten, damit er sie den Sommer hindurch vor Unglück bewahre." Nach einer anderen Überlieferung sei bei der Almhütte am Pfitscherjöchl eine Totenrast gewesen, "und zwar zur Zeit, als die Verstorbenen von Pfelders nach dem Friedhof von St. Peter/Tirol getragen werden mussten". Während der Rast auf dem insgesamt acht Stunden langen Weg entzündete man den Verstorbenen auf den Schalensteinen die Totenlichter. "Da und dort findet man auch oft zwei oder mehrere Schalen durch Rinnen verbunden; so konnte der flüssige Brennstoff beim Füllen einer Schale gleich in mehrere fließen und diese füllen, dann waren nur mehr die harbenen Dochte einzusetzen."

Der Hexenstein im Winnebachtal

Schon ein Jahr nach der Veröffentlichung der Schalensteine im Meraner Raum durch Josef Tscholl beschrieb Paul Tschurtschenthaler, einer der größten Erzähler und Heimatdichter unseres Landes, einen überaus interessanten Schalenstein, den so genannten Hexenstein im Winnebachtal bei Terenten. Wie Tscholl war sich auch Tschurtschenthaler bewusst, dass die Schalensteine je "nach Ort, Lage und Zeit den verschiedensten Zwecken und Volksvorstellungen gedient haben mögen". Einige dieser Grübchensteine, vor allem jene, die vom Volk als Hexen- oder Teufelssteine bezeichnet werden bzw. Steine, um die sich unheimliche Sagen ranken, dürften heidnische Kultstätten oder Opfertische gewesen sein. Im Falle des Hexensteins von Terenten könne man sich vorstellen, dass zur Zeit der Sommersonnenwende im Winnebachtal nächtliche Feiern mit Trinkgelagen abgehalten wurden, wobei in den schalenförmigen Vertiefungen Talglichter angezündet wurden.
Seit Mitte der dreißiger Jahre wurden in Südtirol - vor allem im Meraner Raum und im Vinschgau - zahlreiche weitere Schalensteine entdeckt, wobei sich vor allem der Meraner Arzt Franz Haller um eine lückenlose Erfassung und genaue Kartierung der Vorkommen bemühte. Bezüglich der örtlichen Lage der Schalensteine hob Haller hervor, dass sie sich großteils an besonderen Aussichtspunkten an Berg- oder Waldhängen befinden und dass gerade im "heiligen Bezirk des Burggrafenamtes", also in der Gegend zwischen Algund, Dorf Tirol und Partschins eine besondere Verdichtung der Fundstellen zu beobachten sei. "Die Tatsache, dass manche dieser Schalen nicht auf ebenen Flächen, sondern auf stark geneigten Felsen angebracht sind, ... beweise, dass es sich größtenteils nicht um Totenrasten mit in den Schalen entzündeten Lichtern handeln kann, sondern um uralte Kultstätten und Kultzeichen, deren eigentlichen Sinn wir bis heute nicht sicher kennen. Der Gedanke, Sternbilder in der Anordnung der Schalen sehen zu wollen, ist zwar bestechend, aber bis heute konnten die führenden Sternbilder des nördlichen Himmels nicht eindeutig - bei uns wenigstens - auf Schalensteinen festgestellt werden ... Der hohe Verwitterungsgrad vieler dieser künstlichen Gebilde weist schon auf ein sehr hohes Alter und widerspricht der Entstehung durch Hirtenknaben ..."

Diese Feststellung Hallers richtete sich vor allem gegen die Anschauungen Adrian Eggers und Luis Oberrauchs, die in den Schalensteinen vielfach die spielerische Betätigung durch Hüterbuben sahen. In Bezug auf die eindrucksvollen Schalensteinvorkommen am Pfitscherjöchl gab sich Haller überzeugt, "dass diese Schälchen Kultbohrungen darstellen, die einer Gottheit nach beschwerlicher, langer und gefährlicher Fußwanderung dargebracht wurden." Mitte der siebziger Jahre kam Haller noch einmal ausführlich auf die Schalensteine in Südtirol zu sprechen und legte seine langjährigen Forschungsergebnisse in einem umfangreichen, reich bebilderten Band vor. Vor allem unter dem Einfluss deutscher und Schweizer Steinforscher verschrieb sich Haller hierbei ganz der Auslegung der Schalenstein-Orte als "einstige Stätten der Sonnenreligion". "Durch Jahrtausende dienten Schalen- und Bildsteine zur astronomischen Beobachtung und als heilige Kultstätten mit ihren Symbolen in der schriftlosen Zeit."

Hallers "Sonnenreligion"

Gewiss hat auch diese Interpretation, ebenso wie die vorher erwähnten Deutungsversuche Anspruch auf eine wissenschaftliche Auseinandersetzung. Die Schwachstellen im System Hallers liegen aber einerseits darin, dass alle Schalensteine über einen "astronomischen Kamm" geschoren werden, andererseits darin, dass die so genannten Ortungslinien durch ein Gewirr von Schälchen nie genau definiert erscheinen (etwa durch eine stärkere Markierung bestimmter Achsen), sondern mehr oder weniger beliebig ausgelegt werden können. Weitgehend außer Acht gelassen wurde von Haller auch die - offenkundig unterschiedliche - chronologische Stellung der Schalensteine; für ihn galten diese steinernen Zeugnisse unzweifelhaft für die ältesten (also steinzeitlichen) Spuren der Vorgeschichte in Südtirol.
Nun haben aber gerade die in den sechziger Jahren im Trentino einsetzenden, später auch in Südtirol und anderswo durchgeführten startigraphischen Ausgrabungen gezeigt, dass einzelne Schalensteine zwar noch aus der Stein-Kupferzeit stammen, während andere - vermutlich der Großteil - der Spät- und Endbronzezeit angehören. Aber auch in Schichten der späten Eisenzeit wurden (z. B. in der Schweiz) mehrfach Schalensteine aufgedeckt. Das Problem scheint also viel komplexer zu sein als von Haller angenommen.

Bei der großen Anzahl an Schalensteinen aus dem Burggrafenamt, dem Vinschgau und dem Eisacktal verwundert es, dass in dem Werk Hallers nur ein einziger Stein mit Schalen aus dem Pustertal, nämlich der Hexenstein von Terenten, aufgeführt wird. Merkwürdigerweise nimmt Haller von diesem, etwa sechs Meter langen und mehrere Meter breiten Glimmerschieferblock an, dass er seinen ursprünglichen Standort am östlichen Steilhang hatte, von dort aber "abstürzte und beim Aufprall auf dem ebenen Talboden zersprang"!

Pustertaler Funde

In der Zwischenzeit sind auch im Pustertal und den angrenzenden Seitentälern einige (ca. ein Dutzend) Schalensteine entdeckt worden. Den Anfang machte der Schreiber dieser Zeilen 1976 mit der Entdeckung eines interessanten Schalensteins im Hangbereich zwischen Sonnenburg und Fassing. Eine kleine Sondierung, die ein paar Jahre später von Gianni Rizzi an diesem Ort durchgeführt wurde, erbrachte eine Handvoll Laugener Tonscherben (ca. 1100 v. Chr.). Die Keramikbruchstücke lagen in einer dünnen Kulturschicht, die sich über den nördlichen Absatz des Quarzphyllitblocks und damit über eine kleine Schalensteingruppe hinzog. Eine Datierung dieses Schalensteins in die Endbronzezeit erscheint daher sehr naheliegend.
Im Jahre 1978 glückte dann Gertrud Schimitschek die Entdeckung dreier mächtiger Schalensteinblöcke in einem Lärchenwäldchen oberhalb Luns bei Dietenheim. Ein vierter, zu dieser Gruppe gehörender Schalenstein wurde von uns ein paar Jahre später dort ausfindig gemacht. Auch in Sonnenburg konnten wir - mitten am alten Weg von St. Lorenzen nach Fassing - einen zweiten Schalenstein ausfindig machen. Je ein weiterer großer Schalensteinblock mit zahlreichen Grübchen wurde von J. Schauer im Gänsbichlwald (nahe "Haus Gassler") bei Dietenheim bzw. von Hans Ubl im Wald beim Huber unterm Berg in Dietenheim gefunden. Auch die Entdeckung eines weiteren Schalensteins (mit nur wenigen Schälchen) im Irenberger Wald über Issing wird dem Archäologen Hans Ubl aus Wien verdankt.

Schalen im alpinen Bereich

Bei den oben erwähnten Schalensteinen hat man den Eindruck, dass sie weit außerhalb jeglichen Siedlungsbereichs (also in kultischer Abgeschiedenheit?) liegen. Die nächste (bekannte) Siedlung aus der Bronzezeit befindet sich am so genannten Buenlandbühel in ungefähr zwei Kilometern Entfernung.
Andere Schalensteine wiederum - wie jener am Nössingbühel bei Neustift, am Pinatzkopf bei Elvas, oder der erst in jüngster Zeit entdeckte Stein auf Sotciastel bei Pedraces im Gadertal - liegen in aussichtsreicher Position - inmitten einer bronzezeitlichen Siedlung, waren also sehr wahrscheinlich eng mit dem Leben der prähistorischen Bewohner der jeweiligen Felskuppe verwoben.

Eine dritte Kategorie von Schalensteinen findet sich wiederum weit außerhalb bzw. oberhalb der geläufigen Siedlungsgrenzen in den Bergregionen zwischen 1500 und 2300 Metern Seehöhe.

In diese Gruppe fallen z. B. die vor einigen Jahren von Gianni Rizzi publizierten Schalensteine von Rina/Welschellen im äußeren Gadertal. Auffallend an diesem Vorkommen ist vor allem die regelmäßige Anordnung der Schalen in einer Neunergruppe. Diese Konfiguration ist auch von anderen Fundstätten, z. B. Milland und Elvas, bekannt. Überhaupt ist auffallend, dass sich die Schälchen auf den Steinen häufig zu Gruppen zusammenschließen lassen. Aber auch für diese Erscheinung gibt es bisher keine vernünftige Erklärung.

Weitaus ungewöhnlicher als der Grübchenstein von Rina ist aber ein weiteres Schalensteinvorkommen im Gadertal, nämlich auf dem 2332 Meter hohen Maurerberg. Dieser markante rundkuppige Berg an der Grenzlinie zwischen Enneberg und Lüsten wird von manchem Geschichtsforscher als der in einer Urkunde von 893 genannte "Mons Numeratorius" angesehen. Schon Anfang der achtziger Jahre hatten wir diese Anhöhe auf der Suche nach mesolithischen Steingeräten abgegrast - jedoch ohne Erfolg. Mehr Glück hatte - ein paar Jahre zuvor (1977) - ein Bergwanderer aus Bayern, der auf der Kuppe des Maurerbergs im anstehenden Glimmerschieferfelsen auf eine Reihe von Schalensteinen nebst einem eingemeißelten Kreuz stieß. Bei einem zweiten Besuch des Berges (1978) fand der Entdecker den Schalenstein zerstört vor, "d. h. der obere Teil des Schieferblocks war entweder durch menschliche Tätigkeit oder durch Blitzschlag abgehoben und zur Seite geworfen worden".

Alte Grenzzeichen?

Während zwei weitere "Bildsteine" - der eine mit eingemeißeltem Männerkopf im Profil, der zweite mit einer frontalen Fratzendarstellung - sicher rezenten Ursprungs sind, wird man den Schalenstein selbst für sehr alt halten. Die Frage, ob prähistorisch oder mittelalterlich, muss freilich dahingestellt bleiben. Bei der mehr als tausend Jahre alten Bedeutung dieses Ortes als Grenzberg stellt sich natürlich die Frage, ob die eingepickten Schälchen nicht etwa mit der Festlegung der Grenze zu tun haben könnten. Karl Gruber, unser Diözesan-Denkmalpfleger, der wie kein anderer die alten Grenzzeichen des südlichen Tirols von zahlreichen Begehungen und "Befliegungen" kennt, hat in diesem Zusammenhang eine interessante Hypothese entwickelt. Demnach sei "ein nicht geringer Teil der so genannten Schalensteine alte Grenzpunkte, und die Schalen sind so genannte Schwurlöcher, die anlässlich von Grenzbegehungen und -neufestlegungen gebohrt worden sind".

Der neue Fund von Pflaurenz

Ganz anderer Natur scheint dagegen der riesige Schalensteinblock zu sein, den erst kürzlich Richard Niedermair, Verfasser des vorzüglichen Buches "Mit der Postkutsche nach St. Lorenzen", am Waldhang oberhalb von Pflaurenz entdeckt hat. Dieser Schalenstein, einer der eindrucksvollsten Zeichensteine Südtirols, liegt auf zirka 890 Metern Seehöhe am Ostrand des bewaldeten Pflaurenzer Kopfs (oder Klosterwaldbühels) nahe dem Zaun, der die weiten Acker- und Wiesenflächen vom Waldgebiet trennt, in der Nähe einer Wochenendhütte. Von hier aus genießt man einen herrlichen Ausblick über das Lorenzener bzw. Brunecker Talbecken. Der große Felsblock, auf dem die Schalen eingepickt bzw. eingerieben sind, ist anstehender Quarzphyllit, der vom eiszeitlichen Gletscher stumpf geschliffen worden war. Die Oberfläche des Steines ist ziemlich stark gegen Norden geneigt; die Südhälfte des Steines fehlt, sie wurde offenbar schon vor langer Zeit - weitgehend senkrecht - abgebrochen, möglicherweise um Baumaterial zu gewinnen. Dabei scheint ein Teil der Schalen verloren gegangen zu sein. Auf dem vorhandenen Stein sind mindestens 20 Schalen erkennbar; einige Grübchen sind aber noch unter dem von Gras und Moos überwucherten Nord- und Westteil verborgen. Weitere Schalen sind auf der im Westen anschließenden, niedrigeren Felspartie sichtbar; auch hier reichen die Schalen unter die Vegetation hinein. Ein weiterer Schalenstein (mit nur wenigen Eintiefungen) liegt etwa 20 Meter weiter oben am Hang.
Das Besondere an dem Schalensteinfelsen von Pflaurenz sind die schlangenförmigen Rillen, die in SW-NO-Richtung über den Stein herunterlaufen und meist mehrere Schälchen miteinander verbinden. Vor allem die Rillen auf der stark geneigten Oberfläche des Steines scheinen darauf hinzuweisen, dass die Schälchen und Kanäle zur Aufnahme und Weiterleitung einer Flüssigkeit dienten. Dabei wird man weniger an blutige Tieropfer ("Blutrinnen") als vielmehr an Fruchtbarkeitsriten - etwa im Zusammenhang mit Bittopfern bzw. Beschwörungen, um Regen herbeizuflehen - denken wollen. Vom praktischen Standpunkt her hatten die Rinnen wohl den Zweck, das Abfließen des Wassers bzw. anderer Flüssigkeiten zu verlangsamen. Mit einiger Phantasie könnte man auch die Verbindung Stein- Schlange herstellen, zumal nach den - z. T. schriftlich überlieferten - Vorstellungen antiker Völker, vornehmlich des vorderasiatischen und mediterranen Raumes - "Schlangen unter heiligen Steinen wohnten und als Schutzgeister der Opferstätten galten".
Quelle: Dolomiten Online, 16. März 2000
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