monumentum.net  
Presseschau Termine ebay Alarm Forum Bücherecke Surftipp Lexikon
Anmelden / Mein Konto
29.06.2017
Drucken | Senden | Bookmark

Lexikon

Scheibenkreuze
erfasst von Redaktion 

Anmerkungen zu Varianten des Scheibenkreuz-Typus in Europa

Regionübergreifende Bestandsaufnahmen der Scheibenkreuze im deutschen Sprachraum finden wir zuerst auf der Ebene einzelner Bundesländer. So haben Friedrich Karl Azzola und Juliane Azzola 1972 die Scheibenkreuz-Grabsteine in Hessen, Horst Ende 1973 die Mordwangen in Mecklenburg und Werner Müller 1982 die Scheibenkreuze in Niedersachsen erfaßt.

Die Zusammenarbeit mit den Kleindenkmalforschern in Westeuropa zeigt, daß auf der Iberischen Halbinsel und in Frankreich rund viertausend registriert worden waren. In Spanien hatte als erster Eugenius Frankowski bereits 1920 eine umfassende Bestandsaufnahme vorgelegt. dabei muß man aber berücksichtigen, daß auf der Iberischen Halbinsel weit mehr als neunzig Prozent der vorhandenen historischen Kleindenkmale Scheibenkreuz-Grabsteine sind, so daß man von einer bewußten denkmaltypischen Spezifizierung bei Frankowski nicht ausgehen kann.

Pierre Ucla , Paris war der erste , der 1990 mit dem Atlas der Scheibenkreuze den Versuch unternahm, auf europäischer Ebene eine Bestandsaufnahme vorzulegen. Seine Erfassung zeitigte drei bemerkenswerte Ergebnisse:

Die Anzahl der noch vorhandenen Steinkreuze ist erstaunlich hoch.- Pierre Ucla zählte 4670 Exemplare dieser Denkmalform -.
Groß ist ebenfalls die Formenvielfalt bei diesem Denkmaltyp.
Die Setzungsabsichten sind durchaus unterschiedlich.
Auf diesem Atlas von Pierre Ucla baut dieser Aufsatz auf, erweitert dort, wo es notwendig erscheint, seine Angaben oder illustriert sie.

Verbreitung der Scheibenkreuze
Die Verbreitung zeigt eine erstaunlich große Anzahl von Scheibenkreuzen in Europa mit einem eindeutigen Schwerpunkt im westeuropäischen Raum. Von den 4670 noch vorhandenen Scheibenkreuzen, die Pierre Ucla registriert hatte, sind allein 4266 Denkmale Frankreich, Spanien und Portugal zuzurechnen .


Grundlage für die Zahlenangaben waren seinerzeit Publikationen, die Pierre Ucla vorgelegen hatten , und Hinweise von Kleindenkmalforschern. Die von ihm genannte Gesamtzahl kann nicht als feste Größe angesehen werden, da Verluste und weiterer Fundmeldungen die Gesamtzahl immer wieder relativieren werden.

Wir müssen heute von weit über 4700 vorhandenen Scheibenkreuzen ausgehen, da unter anderem der nordeuropäische Raum von Pierre Ucla nur unvollständig berücksichtigt worden ist und auch aus Tschechien zu diesem Zeitpunkt noch unvollständige Angaben vorlagen. Der von einem Autorenkollektiv im Jahre 1997 herausgegebenen Bestandsaufnahme „Kamenné kríze Cech a Moravy“ sind, so weit die Zeichnungen zu deuten sind, sechzig Scheibenkreuze zu entnehmen.

Setzungsabsichten

Bei der Fülle der Scheibenkreuze müssen wir davon ausgehen, daß die überwiegende Mehrheit von ihnen als Grabsteine auf einem Friedhof gesetzt worden sind. In Spanien und Frankreich werden sie ausschließlich als Grabsteine anzusehen sein.
Aber auch in England, Irland, Skandinavien und Deutschland müssen die meisten als Grabmale angesprochen werden. Einige werden als Memorialsteine draußen in der Flur von den Familienangehörigen für Opfer von Unfällen oder Überfällen aufgestellt worden sein, so zum Beispiel das aufwendig gestaltete Scheibenkreuz von Schloß Ricklingen in Niedersachsen.


Und nur sehr wenige der noch vorhandenen Scheibenkreuze können als Sühnesteine bezeichnet werden. Welche konkret als solche anzusehen sind, kann nicht gesagt werden, da zum Beispiel in Niedersachsen überall die archivalischen Unterlagen, also die Sühneurkunden, fehlen, mit denen sich ein unmittelbarer Bezug zu einem bestimmten Scheibenkreuz herstellen ließe. Anders sieht es in Mecklenburg und Pommern aus. Die sogenannten Mordwangen bezeugen durch Ihre Inschriften die Setzungsabsicht als Sühne- oder Memorialsteine wie bei der Stele von Herrnburg aus dem Jahre 1466, bei der die Inschrift auf den plötzlichen Tod von Hinrich Pomert hinweist.


Außerdem existieren in einem breiten Band, das die Städte an der Nord- und Ostseeküste umfaßt, die Beischlagwangen, die ebenfalls als eine Variante der Scheibenkreuze anzusprechen sind. Wohlhabende Bürger hatten den Treppenaufgang zu ihren Häusern mit einem Freiplatz versehen, der - ähnlich den Wangen eines Chorgestühls - mit den Scheibenkreuzen nachempfundenen Wangen, den sogenannten Beischlagwangen, abschloß.

Wenn auch diese Beischläge grundsätzlich nicht den Flurdenkmalen, sondern eher den Baudenkmalen zuzurechnen sind, so stellen sie doch formal eine Sonderform der Scheibenkreuze dar.

Datierte Scheibenkreuze
Nur eine geringe Anzahl der rund 4700 Scheibenkreuze trägt eine Jahreszahl. den ältesten - leider nur indirekten - Datierungshinweis finden wir in Satas, Spanien. Auf einer Miniatur aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, vermutlich 1279, die die „Lobgesänge der heiligen Maria „ von König Alphons X., dem Weisen illustriert, wird die Gefangennahme eines Abtes auf einem Friedhof dargestellt. Neben Steinsärgen sind kleine Scheibenkreuze zu sehen. Diese Grabmale sind heute verschollen.


Die beiden ältesten datierten Scheibenkreuze existieren in Carcassonne, 1325 und Preixana, 1330. Neun weitere aus dem 14. Jahrhundert finden wir in Deutschland und eines auf Gotland, Sölberg, 1361.

Aus dem 16. Jahrhundert sind vierzehn datierte Steine erhalten geblieben. Bis auf das Scheibenkreuze von 1440 in Etchebar (Frankreich) sind sie in Deutschland zu finden.

Aus dem 16. Jahrhundert stammen ebenfalls vierzehn datierte Scheibenkreuze. Abgesehen von dem Stein von Roklum (Niedersachsen), stehen sie alle in Hessen.

Mit dem 16. Jahrhundert scheint im mitteleuropäischen Raum, in England und Irland die Setzung der Scheibenkreuze als Sühnesteine, Grabmale oder in der freien Flur stehende Memorialsteine abgeschlossen zu sein. Anders sieht es im südwestlichen Frankreich und auf der Iberischen Halbinsel aus. Dort gibt es eine bis in unser Jahrhundert reichende lebendige Tradition, Scheibenkreuze am Kopfende eines Grabes zu setzen. In Nordosteuropa, in Estland, sind Scheibenkreuze aus dem 17. und 18. Jahrhundert erhalten. Weshalb inselgleich auf dem Friedhof von Vagamo in Norwegen im 19. und 20. Jahrhundert hölzerne und steinerne Scheibenkreuze gesetzt wurden und werden, entzieht sich meiner Kenntnis.

Scheibenkreuzformen
So unterschiedlich die formale Gestaltung der Scheibenkreuze ist, so vielfältig mögen auch die Gründe dafür sein, die die Gestaltung beeinflußt haben: Das vorhandene, eventuell anstehende Material, die finanziellen Voraussetzungen werden ebenso entscheidend gewesen sein wie die soziale Stellung des Toten beziehungsweise seine Familie.


Nicht nur die Vielfalt der ikonographischen Gestaltung, sondern auch schon die Größenunterschiede der Denkmale allein sind beeindruckend. Sie reichen von den weit über zwei Meter hohen Stelen Norddeutschlands und Skandinaviens über das wuchtige Scheibenkreuze von Rott (Niedersachsen) mit einem Durchmesser von 105 cm bis zu dem winzigen Scheibenkreuz-Grabstein von Södel (Hessen) mit einem Scheibendurchmesser von nur 14.5 cm.

Auch die ikonographische Gestaltung berücksichtigt nicht immer die formale Zweiteilung des Denkmals. Sie kann durchaus wie bei den mecklenburgischen Mordwangen formübergreifend sich darstellen. Gelegentlich fehlt sogar wie bei den Beischlagwangen das namengebende Attribut, das Kreuz. Hier ist es gewöhnlich durch eine Heiligendarstellung oder durch ein bürgerliches Familienwappen ersetzt worden. Bei den hölzernen Grabmalen im norwegischen Vagamo ist die Scheibe zu einem Namenschild geschrumpft, beziehungsweise degradiert worden.

In Tschechien zeigen etwa fünf Scheibenkreuze unterhalb der Scheibe rechtwinklige Ansätze, die Kreuzarmen ähnlich sehen. Gewöhnlich werden sie auch als Arme angesehen, und man spricht dann bei dem Scheibenkreuz von einer stilisierten menschlichen Figur. Da es aber in Tschechien auch Steinkreuze mit diesen untergeordneten Ansätzen gibt, ist von dieser Deutung abzusehen.

Welche Einflüsse zu welchen Formen geführt haben, ist bislang nicht ausreichend untersucht worden. Angaben darüber wären reine Spekulation.

Einen neuen gemeinsamen Nenner zur Definition dieser Denkmalform zu finden ist schwierig, da einerseits der formale Schwerpunkt eben nicht generell bei der Scheibe mit dem Kreuz liegt, andererseits die zweigeteilte Stele mit dem wie auch immer geformten und gestalteten Oberteil sich gerade in diesem Punkt gravierend von den anderen Kleindenkmalen unterscheidet.

Quelle: Werner Müller Elze
Scheibenkreuz
Scheibenkreuz in Arcangues
Scheibenkreuz in Ricklingen
Home | Newsletter | Impressum | Urheberrecht © 1995 - 2008 monumentum.net -- Beachten Sie unseren Haftungsausschluß